John Russel kniff seine scharfblickenden Habichtaugen zusammen. Holla ... war da wieder ein Mann im Spiel? Wieder einer, den er mitzerren, durchfuttern mußte? Wieder ein Sekretär, Begleiter, Geliebter oder künftiger Gatte?
„Well, Karla König, überlegen Sie nicht lange. Freie Reise für Sie und Zofe und — für noch eine Person, wenn Sie wollen ...“
Da mußte sie lachen.
Und das Lachen gab ihr den Selbsterhaltungstrieb zurück, das stärkste Gefühl für ihr ureigenstes Recht als Frau. Wie kleinmütig sie nur gewesen war. Sie schlug die Hände zusammen und lachte wieder, hell, froh und im tiefsten Innern beglückt über ihr befreiendes Lachen.
„Also abgemacht?“ John Russel hielt ihr die Hand hin.
Sie aber sagte, noch immer vergeblich mit dem Lachen kämpfend: „Abgemacht ist, daß Sie jetzt bei mir speisen werden. Sonst nichts. Nicht New York, nicht St. Petersburg — nicht einmal Wien. Ich verlängere den Vertrag nicht und schließe keinen anderen.“
Sie legte ihren Arm in den des zum erstenmal vor Verblüffung sprachlosen John Russel und zog ihn mit sich fort in das kleine Eßzimmer.
An diesem Nachmittag aber schickte auch sie ihr erstes Lebenszeichen an Gaudlitz:
„Warten bis nach Bayreuth.“ — — —
— — — Lang und still dehnten sich die Tage in Adelens neuer, kleiner Wohnung. Wenn sie mit Hilfe der Bedienungsfrau ihre drei Stuben instand gesetzt, ihren Marktbesuch erledigt und das Mittagessen gekocht hatte, setzte sie sich auf den hohen Tritt vor dem Fenster und spähte nach ihrem Manne aus. Eines Tages ließ sie sich sogar den unter altem Gerümpel gefundenen „Spion“ am Fenster anbringen. Der brachte ihr die größte Zerstreuung, indem er ihr das Bild der Straße in ihre stille Stube warf. Und auch während ihr Mann seinen Nachmittagsschlaf hielt oder seine Privatstunden gab, saß sie vor dem stummen Berichterstatter des Straßentreibens und flickte und stickte. Es war ihr kaum bewußt, daß sie dasselbe tat, was ihr einst in jungen Mädchenjahren als der Gipfel des Stumpfsinns an ihrer Mutter erschienen war.