Es waren seltene Festblicke, wenn Vickis „Nurse“ an ihrer Tür läutete und den eigenwilligen, stets opponierenden Robbi hereinzerrte. Robbis Gunst war nur von Gassenjungen zu erringen. Großmamas Kuchen und Schokolade machten ihm nicht den mindesten Eindruck. Von dem Zeug bekam er zu Hause so viel er wollte. Er greinte und war so lange unausstehlich, bis er wieder draußen war.

Der Enkel war ein Ruppsack, Vicki in ihrer Fahrigkeit kaum noch für ein ernstes Gespräch zu brauchen. Sie hatte nie Zeit. Nicht in, nicht außer dem Hause. Kein gemütliches Fleckchen gab es bei ihr, wo sich Adele zum Geplauder hätte niederlassen wollen, und wenn es klingelte, zuckte Vicki zusammen — ob es am Telephon oder an der Wohnungstür war. Es gab immer Plötzlichkeiten: Besuche, die kamen oder gemacht werden mußten, ein Auftrag ihres Bodo, der keinen Aufschub erduldete, ein Brief, der jetzt in dieser Stunde aufzugeben war. Vicki war immer auf dem Sprung, immer unruhig, zerstreut, auf Meilen entfernt mit allen Gedanken ...

Und wenn gar der Schwiegersohn nach Hause kam: „... die Mama ist da? ... So ... ja ... ’Tag, aber ... auf mich bitte zu verzichten ... ich hab’ zu arbeiten ... ich habe Geschäftsbesuch ... ich muß verreisen ...“ Dann klappten Türen — zwei — drei, als wollte er sich verstecken! Vicki lief wie ein Irrwisch umher, von ihm zu ihr — von ihr zu ihm, rote Flecke auf den Wangen ....

Adele kannte diese heißen roten Flecken! Wußte, was an Hast und Erregung hinter ihnen steckte ... Nein — Vickis Haus war nichts für sie. Das war ähnlich, wie wenn man zwischen zwei elektrischen Straßenbahnen und einem Automobil eingeklemmt war und nicht ’raus wußte! Diese Aufregung genoß sie zehn Mal am Tage an anderen — wenn sie in ihren „Spion“ blickte ... Dafür dankte sie.

Blieb Fritz.

Adele’s Augen leuchteten und feuchteten sich zugleich, wenn sie an ihn dachte.

Alle Frauen sahen sich nach ihm um auf der Straße, so ein hübscher, flotter Leutnant war er. Flott ... ja ... zu sehr. Unbekümmert, liebenswürdig dreist.

„Kram’ in deinem Strumpf, alte Dame ... da findest du noch ein paar Goldfüchse, wie?“

„Heute nehme ich meine alte Dame mit ins Schauspielhaus ... he? Kabale und Liebe! Was zum Weinen ... entzückend!“

Er brachte ihr ein Veilchensträußchen für einen Groschen, eine Schachtel Pralinés für fünf Mark, bestand auf einem Wagen, dem er die „Tour“ bei ihrem Einsteigen bezahlte, und holte sich am nächsten Morgen „was aus ihrem Strumpf“.