Ein hastiger, herzlicher Abschied. Ein Winken vom Fenster, ein Winken zurück aus dem Auto. Ein kurzes Ankurbeln, Fauchen und Rattern, und in stolzem Bogen glitt der dunkelgrüne Wagen mit den zwei Schwägern die Auffahrt hinab. Wie betäubt blieb Karla noch eine Weile stehen, dann warf sie sich Alice Reichenberg an die Brust.

— — — Es war heiß in Wien. Es war unerträglich. Und trotz der Hitze erhob sich von Zeit zu Zeit ein kurzer heftiger Windstoß, jagte den Straßengängern den Kalkstaub in die Augen.

Reichenbergs waren wieder abgereist, auf ihre Besitzung. Karla sollte sie besuchen, wenn „das“ überstanden war.

„Das“ ... Die Aussprache mit Altmann.

Karla wollte nicht sprechen. Wollte schreiben. Aber sie hatte schon zwanzig Briefe begonnen und wieder zerrissen. Es gab ja zu viel zu sagen! Ihre Feder kam ihren Empfindungen nicht nach.

Auch mit Gaudlitz war es mehr ein Depeschenwechsel. Es war keine Seltenheit, daß sie drei, vier Telegramme täglich von ihm bekam. War es nur eines, zitterte sie vor Unruhe. Er ritt Gäule ein, stellte sich selbst an die Dreschmaschine, um sie auszuprobieren ... kam ein anderes Mal wieder den ganzen Tag nicht aus dem Sattel und warf sich dann zur Abkühlung in den kleinen See, wo er eine Stunde lang herumschwamm. Sie lernte die Angst kennen um einen geliebten Menschen, hatte die plötzlichen Besorgnisse einer allzu ängstlichen Mutter. Telegraphierte: „Beschwöre, vorsichtig zu sein. Andern Gaul reiten“ oder „Kaltes Baden nach Reiten Wahnsinn. Bin außer mir“. Depeschen kamen zurück, aus denen sein Lachen ihr entgegenschallte: „Liege in Watte gepackt auf Ruhebett, beginne ungefährliche Stickerei“ oder „gleich um Verzeihung bitten wegen Feigheit. Pfui.“

Sie lachte, sie weinte, sie stampfte ärgerlich mit dem Fuße auf und drückte sein Bild an die Lippen.

Sie liebte, wie sie mit zwanzig Jahren nicht zu lieben gewußt hätte — auch wenn sie ihm begegnet wäre.

Er schickte ihr Blumen: „aus unserm Garten“, Perlen, die „seiner Mutter gehört hatten“, Bücher, die „er gelesen hatte“.

Die Blumen kamen welk an, und sie legte sie in ihren Wäscheschrank. Vor den Perlen der Gräfin Gaudlitz hatte sie eine heilige Scheu und hätte sie nicht eher angelegt, als bis sie den gleichen Namen führte. Die Bücher legte sie auf ihren Nachttisch, las abends und morgens darin und wußte doch nichts von ihrem Inhalt, weil ihre Gedanken nach allen Richtungen hin flatterten.