Ihr Bayreuther Erfolg hatte ihr eine vertrauliche „ganz private“ Anfrage von einer der Berliner Generalintendanz nahestehenden Seite gebracht, ob sie nicht ....
Russel hatte in einem hundert Worte langen Telegramm sein Angebot erneuert, die Hofmarschälle zweier regierenden Fürsten luden sie zu einem Hofkonzert ein. Fast jede Post brachte Gastspielanträge aus allen großen Städten Deutschlands und Österreichs.
Auch Liebesbriefe liefen ein, schamlos kalte, mit Versprechungen, die sich in fünfstelligen Zahlen äußerten, überschwänglich leidenschaftliche, von Narren und Spekulanten; schüchterne von kaum dem Kindesalter entwachsenen Jünglingen; flammende von hysterischen, unverstandenen Frauen, denen sie den Weg weisen sollte „aus ihrem großen, alles verstehenden Künstlertum heraus“. Bettelbriefe kamen: mit Kronen in der linken Ecke und andere mit Fettflecken am Rand; anonyme Anträge und Schmähungen, Rechnungen über Gegenstände, die sie nie gekauft, und Schmuck mit beigelegter Quittung.
Sie dachte an die Zeit, da Altmann ihr alles so klug und bedacht ferngehalten, was ihr nicht nähertreten durfte, da sie ihn beratend, oft bestimmend an ihrer Seite gehabt hatte, keinen Finger zu rühren brauchte, da alles ihr aus dem Wege geräumt war, sie vor keiner Besudelung, keinem Irrtum Angst zu haben brauchte, da ihr Haus wie eine Festung gewesen war, unter deren Schutz sie ihrer Kunst gelebt hatte ...
Und wieder würde solch eine Festung sie umschließen, schirmender, schützender als die erste. Würde auch ihre Kunst mit einschließen — —
Manchmal durchfuhr es sie dann wie ein leiser Schrecken — mit eigentümlichem Prickeln in der Haut und dem Aussetzen eines Herzschlages.
Und sie telegraphierte: „Ich liebe Dich und sehne mich nach Dir.“
Sie brauchte die Gegenwärtigkeit. Brauchte seine blauen Augen, seine eigensinnige blonde Stirn, seinen lachenden Willen, seine heiße Liebe, den Ton seiner Stimme ... Alles das brauchte sie, um das andere lösen zu können .... das viele, unsagbar viele „andere“, das ihr Leben war!
Und mit schauerndem Erbeben ließ sie noch einmal die Welle der Begeisterung über sich zusammenschlagen, badete sich in allem Köstlichen und allem Schlamm, womit diese Welle sie überschüttete, faltete die Hände wie ein frommes, unschuldiges Kind und betete leidenschaftlich:
„Lieber Gott, ich danke Dir, daß ich ihm so viel opfern darf ... so viel! ...“