Und Alwin Maurer fühlte es deutlich, daß, so lieb sie auch ihr Schmerzchen hatte, so tief ihre Sehnsucht war, die Allmacht der Natur einen Trost für sie bereit hielt, der den Verlust des einen Kindes aufzuwiegen vermochte.
„Du kannst auf mich zählen, Karla .... Gleich nach meiner Ankunft spreche ich mit Ernst.“
Er drückte ihre Hand. Ihre Augen sagten ihm Dank.
„Was immer geschieht, Alwin — wir bleiben die alten ... willst du?“
Da drückte er in einer letzten, starken Bewegung ihre Hand an seine Lippen. „Leb’ wohl, Karla ...“
Sie lächelte ihm noch zu über die Rampe der Treppe. „Vergiß nicht, Alwin — daß du mir immer über Schmerzchen Nachricht geben mußt!“
Er nickte noch einmal zu ihr herauf und dachte, wie wunderlich die Frauen doch waren. Schlugen ein Leben entzwei und konnten lächelnd mit den Scherben spielen! Wie weit war Karla doch schon entfernt von ihnen allen ... ja selbst von ihrem — ersten Kind! — —
— — — — Ganz zeitig wachte Karla am nächsten Morgen auf. Ihr war, als hätte sie schon alles getan, was von ihr abhing, als hätte sie sich ihr Glück schon verdient durch die Aussprache mit Alwin Maurer. Als wäre eine große, schwere Last ihr vom Herzen genommen worden. Es waren ein paar Briefe zu durchfliegen, während Resi den Tee auf das Tischchen am Fenster stellte und die Semmeln mit Butter bestrich. Eine Einladung nach Reichenau — ein paar Zeitungsausschnitte, die Bitte eines Photographen um eine Sitzung — und dann ... der dickste von allen Briefen, schwer wie ein Stein .... Die Schrift kannte sie doch, ... die hatte sie doch oft gesehen ... wo denn nur? ... In ... in Kiel, ja ... und in Amerika .... Altmann hatte Briefe erhalten, die diese Schrift trugen .... Adele! ... Richtig! Das betraf Fritz! Karla las:
„Liebe Karla! So peinlich es mir ist, aber ich muß Dich herzlich bitten, mir in einer Angelegenheit zu helfen, da Dein Mann sich leider so zu Fritz gestellt hat, daß es ihm unmöglich ist, sich an ihn zu wenden. Aber da ja schließlich Du es warst, die ihm zu seiner Laufbahn verhalf, so bist auch Du die Nächste. Mir zittern noch die Glieder, wenn ich an das Entsetzliche denke, das ich erlebte. Du mußt wissen, liebe Karla, daß es einem jungen Offizier, der in der Nähe Berlins steht, einfach unmöglich ist, mit der kleinen Zulage auszukommen, die Dein Mann für Fritz ausgeworfen hat. Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, daß wir unser Möglichstes getan haben, Fritz zu unterstützen. Aber leider hat der arme, dumme Junge immer nur einen Teil seiner Schulden gebeichtet und ist so immer tiefer ins Verderben geraten. Vor drei Tagen kam er in heller Verzweiflung zu Völkels, um sich von Bodo Hilfe zu holen. Aber Bodo war verreist und, wie Vicki ihm sagte, augenblicklich selbst nicht bei Kasse. Er sagte, das machte nichts, und ging fort. Aber Vicki war sein verstörtes Gesicht aufgefallen. Und sie setzte sich noch an demselben Nachmittag auf und fuhr nach Küstrin. Er wohnt dort in der Kaserne, und Vicki suchte ihn auf seinem Zimmer. Aber sie traf ihn nicht an. Der Bursche sagte, er wäre seit frühem Morgen auf Urlaub und wollte erst abends wiederkommen. Vicki schlug die Mappe auf Fritzens Schreibtisch auf, um ihm ein paar Zeilen zu hinterlassen. Da findet sie einen Brief von ihm, der an mich adressiert war. Sie öffnete den Brief und erfährt aus ihm alles.
Fritz ist in Wuchererhände geraten. Um seine erst kleinen Schulden zu decken, hat er geborgt, wieder geborgt, Wechsel unterschrieben — an fünftausend Mark werden es sein! Wenn er keine Deckung findet, müsse er sich das Leben nehmen! Ich hatte das so oft in Romanen gelesen. Ich hatte immer dabei gedacht: Soll sich der Lump nur erschießen — er verdient keine Träne. Aber jetzt ... da es mich trifft — meinen Jungen ... Alwins Stolz und Freude ... da ... Liebe Karla, Du kannst Dir denken, was da in mir vorging!