Nur so viel noch: Vicki spazierte zwei Stunden vor dem Tor der Kaserne auf und ab, bis die Füße sie kaum noch tragen konnten. Endlich kam er. Ganz blaß und entstellt — gewiß schon zum Letzten, zum Äußersten entschlossen. Sie sagte ihm: ‚Ich habe deinen Brief an Mutter gelesen. Du bist ein schlechter Kerl. Aber das Leben brauchst du dir nicht zu nehmen. Die Deckung ist da.‘ Da soll er losgeweint haben wie ein kleiner Junge, soll ihr die Hände geküßt haben. Er hat sie dann zur Bahn gebracht, und gestern früh traf er mit Vicki bei mir zusammen. Die arme Vicki war ganz fassungslos. Deckung — woher? Sie hatte nur Zeit gewinnen wollen. Diesmal weinte Fritz nicht. Er ließ mich reden und Vicki reden und machte ein Gesicht dazu, daß wir genau wußten — er ließ nicht ab von dem, was er beschlossen hatte zu tun. Vicki klingelte Deinen Mann an. Ein glattes Nein! Er hätte nichts. Was auf Isoldens Namen eingezahlt sei, könnte er nicht abheben. Wenn der Junge geschaßt würde, dann geschähe es ihm recht ... Oh, er fand so harte Worte ... so schrecklich harte Worte ... Luise kam angelaufen, mit Isolde, die sie von der Schule abgeholt hatte. Und in der Aufregung wurde alles vor dem Kinde wieder durchgesprochen.

Und wie ich schließlich fast zusammenbrach und aufschrie: Ja, wo nehme ich denn nur das Geld her ... wer gibt es mir nur? da kam Isoldchen auf mich zu und sagte mit ihrem feinen Stimmchen: ‚Schreibe doch nach Wien an die Mama. Mama schickt immer Geld.‘ — — So war es, wie ich es Dir hier schreibe! Und Luise und ich, wir dachten, daß ein Engel durch das Kind zu uns gesprochen hätte, und da sagten wir Fritz, daß eigentlich Du es gewesen bist, die für ihn bis jetzt gesorgt hat. Und daß Du ihn nicht zugrunde gehen lassen würdest, wenn er zu Dir käme und Dich bäte ... Wir sagten das alles! Verzeih, liebe Karla, wenn ich mein Versprechen nicht gehalten habe, das ich Deinem Mann gegeben ... aber Dein Mann weiß eben nicht, wie eine Mutter leiden kann um ihr Kind. Luise aber sagte mir, daß Du so viel Geld verdienst ... so schrecklich viel Geld ... und wir wissen, daß Du gut bist und uns nicht im Stiche läßt. Es sind im ganzen — mit den fünftausend Mark auf den Wechsel — vielleicht siebentausend. Nicht ein Pfennig mehr! Fritz hat sein Ehrenwort gegeben. Er hat auch noch etwas anderes gesagt, aber das will ich nicht glauben. Darüber würde er zu unglücklich sein — an dieses Wort dürfen wir ihn nicht binden ... Er wird nun um Urlaub bitten und um Erlaubnis, nach Wien zu fahren auf vierundzwanzig Stunden. O könnte er doch gute Nachricht bringen, daß nur mein armer, guter Mann nichts davon erfährt! Es wäre ein so furchtbarer Schlag für ihn ... er darf es nicht erfahren. Nie! Hab’ Dank für alles, was Du Gutes getan und jetzt noch tun wirst. Luise und meine liebe Vicki bitten mit mir.

Deine alte unglückliche Adele.

Nachschrift: Wenn es Dir schwer fallen sollte, ihm zu helfen — denk an Dein Schmerzchen, die uns den Gedanken an Dich gab und der nichts unmöglich scheint bei Dir.

A. M.“

Es war ein bittres Lächeln, das Karlas Lippen herunterzog, als sie den Brief aus der Hand legte. Solche Briefe mochte Adele an ihren Bruder geschrieben haben, so mochte sie ihn eingekreist haben mit allem, was das Arsenal weiblicher Schlauheit und weiblichen Gemütes hergab.

Siebentausend Mark .... Es war eine Summe auch für sie. Der vierte Teil von dem, was sie sich erspart hatte. Ihr Taschengeld wenigstens wollte sie in die neue Ehe einbringen, wenn sie alles abzog, was sie noch anzuschaffen, nach Berlin abzuführen hatte ....

Dieser abscheuliche, nichtsnutzige Bengel!

Es war mittlerweile elf Uhr geworden, und sie hatte kaum Zeit gefunden, die ersten Tonleitern zu singen, als es läutete, und das Mädchen Herrn Leutnant Maurer meldete.

„Bitte ...“