„Wer soll Sängerin werden? ... Was hat das mit dir zu tun? ... Höre, Fritz, ganz ernsthaft, wenn du wieder eine Dummheit gemacht hast .... Ich mische mich da nicht hinein .. bitte, mich dabei aus dem Spiel zu lassen!“ Nun riß ihr doch der Geduldsfaden.
Aber Fritz streichelte ihre Hände. „Laß mich doch nur erzählen ... hör doch nur zu ...“
Eine Geschichte war das — die konnte natürlich nur wieder ihm passieren! Gestern im Zuge ... schubst da der Schaffner eine junge Dame in sein Nichtraucherabteil. Ein junges Mädchen mit nur einem kleinen Reisetäschchen. Sie schläft nicht — er schläft nicht. Er faßt ab und zu nach seinem Revolver — sie stößt ab und zu zitternde Seufzer aus. Ein paar Worte werden ausgetauscht. Dann schlägt er die Hälfte des blauen Vorhanges von der Deckenlampe zurück. Große Überraschung. Sie kennen sich von ein paar Bällen her. Famose Tänzerin. Vater preußischer Kommerzienrat, großes Tier in der Industrie — nur zwei Kinder. Einen Sohn und diese Tochter .. Margot Laurin. „Wohin, Herr Leutnant?“ .. „Nach Wien. Und Sie, gnädiges Fräulein?“ ... „Auch nach Wien.“ ... „Zu Verwandten?“ ... „Nein.“ .. „Zu Bekannten?“ ... „Nein.“ Bittende Augen, erschrecktes Umsichblicken. Endlich beichtete sie: sie ist durchgebrannt — heimlich. Niemand zu Hause weiß, wohin! Sie will zur Bühne — verrückt. Aber sie will durchaus. Träumt davon, Opernsängerin zu werden. Wird es durchsetzen — ganz bestimmt. Dabei laufen ihr jetzt schon die Tränen über die Wangen. Hat einfach Bammel! Höllischen Bammel! — „Und Sie, Herr Leutnant?“ ... „Ich auch sozusagen — durchgebrannt, nur mit Wissen und Erlaubnis meiner Vorgesetzten!“ ... „Warum?“ ... „Schulden“ ... „Viel?“ ... „Schauderhaft: fünftausenddreihundert Mark!“ Sie lacht sich tot. Er beleidigt, zieht sich in seine Ecke zurück. Wie er hinüberblickt — wieder Heulerei. Und hübsch ist sie! — — Wangen ... zum Reinbeißen, und blondes Wuschelhaar, das in tausend Löckchen um sie herumflattert. Und angezogen ... totschick! Und Füßchen hat sie ... lächerlich, einfach! „Also, gnädiges Fräulein — Bühne, Blödsinn für Sie! Gar nicht zu machen!“ Sie will ihm fast ins Gesicht springen vor Zorn. „Ich werde mich prüfen lassen!“ ... „Von wem denn, bitte?“ ... „Von Karla König“ ... „Das ist meine Tante — zu der fahre ich gerade!“ ... „Ihre Tante?? Ach, lieber Herr Leutnant .... dann werden Sie mir helfen. Vielleicht empfängt sie mich gar nicht, wenn ich so einfach heraufgehe ... aber wenn Sie ...“
„So haben wir uns dann die ganze Nacht von dir unterhalten. Ich versprach ihr alles, was sie wollte. Sie sollte mich nur vorgehen lassen ... ‚Ach so‘, meinte sie. ‚Ihre Tante soll wohl Ihre Schulden bezahlen?‘ ... Das war frech. Aber — schlagen kann ich mich doch nicht mit ihr, nicht? Sie stürzte bei der Ankunft gleich in einen Blumenladen und kaufte einen Strauß für dich. Den sollte ich dir bringen, um dich günstig zu stimmen ... Was sich so ein kleines Mädel einbildet — nicht wahr? Ich denke auch nicht daran, dich günstig zu stimmen. Sie hat keine Spur von Talent — mein Wort — ich kenne mich aus! Und sie singt ... wie’n Vogel in der Mauser, sage ich dir .... Rede ihr das nur aus mit der Bühne ... es ist Quatsch. Heiraten soll sie! ...“
Karla unterbrach lachend.
„Dich — was, mein Junge? Mit deinem geladenen Revolver und deinen Schulden?“
Er sah sie von unten herauf an, während wieder ein helles Rot über seine Stirn huschte.
„Wenn du mir die Schulden abnimmst — den Revolver lege ich dazu ....“
„Kindskopf. Und das will ein Herr Leutnant sein. Lauf’ ... hol’ mir das Mädel herauf ... wir telegraphieren dann gleich an ihre Eltern.“
Und während Fritz Maurer Hals über Kopf aus der Wohnung lief, die Treppe hinunter und ins Café, wo eine blonde, junge Berlinerin sich mit bangem Herzklopfen die Folgen ihres tollen Streiches ausmalte, lachte Karla ihr warmes junges Lachen.