„Weißt du denn noch nichts?“

„Ja, was denn eigentlich?“

„Die Frau läßt ihn sitzen! Es ist empörend! Das hat er nun davon.“

Luise schauerte zusammen, als wäre ein kalter Windstoß ihr in den Rücken gefahren.

Adele stöhnte: „Mein Gott ... die Schwüle ... ich hab’ mich kaum schleppen können ... Also, was sagst du, Luise ... was sagst du? Das ist der Dank für alles, was Ernst getan hat? Und mein armer Alwin ... Hast du sein Gesicht gesehn? Hübscher Kurabschluß, wie? Hat es nötig gehabt, nach Wien zu fahren! Ihr kam das natürlich wie gerufen! Eins, zwei, drei hat sie ihm alles aufgehalst. Und er ... so gutmütig ... so dumm — geht ihr richtig auf den Leim und übernimmt den schönen Auftrag!“

Adele band die breiten schwarzen Schleifen ihres Hutes auf.

„Leg doch ganz ab“, sagte Luise rauh.

Adele aber machte die Erregung mitteilsam, riß die Schleusen ihrer verborgensten Empfindungen auf.

„Wenn man es richtig nimmt, Luise — gepaßt hat sie ja nie zu uns. Wie nur Ernst sich so täuschen konnte! Wir zwei waren uns doch gleich nach ihrem ersten Besuch klar über sie. Ich jedenfalls! Was habe ich mir für Mühe mit ihr gegeben — weißt du, Luise? Als sie noch möbliert in der Göbenstraße wohnte! Sie hat mir ja auch leid getan damals, und ich bildete mir ein, wir könnten sie sittlich heben, ihr Pflichtgefühl einimpfen ... da kam ja leider das dumme Amerika dazwischen. Das war Ernstens Unglück! Da hat er jede Autorität über sie aus der Hand gegeben! Du erinnerst dich doch, Luise, wie sehr ich immer dagegen war, daß sie allein in ein Engagement geht? Ich hab immer gesagt: das führt zu nichts Gutem! Das entfremdet! Aber ich redete natürlich in den Wind hinein. Damals, als die Depesche kam aus Wien, daß sie dort blieb — damals hätte Ernst sich scheiden lassen sollen. Vielleicht hätte sie sich damals besonnen.“

Luise schüttelte den Kopf. Sie sah sich in dem Gang stehen an jenem Abend, da sich der Schatten eines großen Mannes hinter der Glasscheibe hin und her bewegte ... Damals hatte es angefangen ... damals — an dem Abend, da Karla im Schlafzimmer das Blumenglas auf den Boden geworfen hatte und in ihren Augen etwas aufgeblitzt war, das wie Haß aussah gegen sie alle ...