Fürst Reichenberg schlenderte herein, mit den kurzsichtigen Augen blinzelnd wie ein Spaziergänger.

„Ah, das ist g’scheit ... Da kriegt man ja noch eine Schale Tee ... Küß’ die Hand, Karla .... Na — wie steht’s mit dem Buben? ... Die Schwester hat mich nicht reinlassen wollen ... er schläft, sagt sie.“

„Er schläft sich gesund!“

„Aber ja ... die Alic’ braucht gar keine solche Angst zu haben. Wir Reichenberg’schen Buben haben alle nit anders ausg’schaut in dem Alter ... waren lauter Krischperln! Das ist Familientradition. Der Professor, den wir konsultiert haben, der hat auch g’sagt: Wenn der Bub erst über’s zwölfte Jahr hinaus ist, dann ist überhaupt keine Gefahr mehr ....“

Reichenberg stellte sich an den Kamin, klopfte eine Zigarette auf den Daumennagel auf, lächelte ein bißchen ironisch. „Will’s gern glauben, der Hansel und die Karla — das gibt schon ein anderes G’schlecht. Mordsbuben werden das sein.“

Vor vier Wochen war Karlas Ehe gerichtlich geschieden worden. Die Blätter hatten sich der Nachricht bemächtigt. Eine große, dichte Staubwolke war um sie herum aufgeflogen.

Wieder prangten Karlas Bilder auf der ersten Seite aller illustrierten Blätter. Einige hatten in ihren Archiven noch ein Bild von Gaudlitz, von seiner Sportzeit her. In Medaillenform, sinnig von einer Zeichnung umrankt und geeint, wanderten nun ihre beiden Bilder in Cafés und Gasthäusern, in Lesezirkeln und an Zeitungsständern von Hand zu Hand.

Trotz der Geheimnummer stand die Telephonklingel weder bei Reichenbergs noch bei Karla still. Anfragen, Glückwünsche, Blumen, Depeschen, Briefe prasselten in Sturzwellen auf Karla herab. Der ihr geltende Applaus in der Oper steigerte sich jedesmal zu nicht enden wollenden Huldigungen. „Hierbleiben! ...“, „Hierbleiben!“, brauste es vom „Paradies“ herunter bis zum zweiten Rang. Vor dem Bühneneingang hielten Schutzleute die Ordnung aufrecht. Deutsche Höfe, an denen sie gesungen, sandten Orden, goldene Medaillen, in manchmal verspäteter Anerkennung der Verdienste. Russel kabelte: „Verstehe und gratuliere!“ Kapelle kabelte: „In Größe und Schönheit abgehen das Beste. Hätte nur gern noch einmal Ihre Stimme gehört.“

Nur der Papa aus der Schillstraße krähte zornig herüber: „Also doch! Meinetwegen — Glückwunsch!“

Der eigensinnige alte Papa! Dem mußten sie beide noch mal richtig den Kopf zurechtsetzen!