Über die Trauung wurde jetzt wieder gesprochen. Wo sie stattfinden sollte vor allem. Reichenberg war für Wien, Gaudlitz für Pinnow. Alice Reichenberg bestand auf Wannsee.
„Im Musiksaal, da wo ich Karla zuerst singen hörte, da wo ich sie liebgewann und es mir zuerst denken konnte, daß ....“
„So?“, unterbrach Gaudlitz. „Dann müßte die Trauung im Tiergarten sein ... da hab ich mir’s zuerst gedacht ... und ich bin doch der Maßgebende!“
Karla lehnte ihren hübschen runden Kopf an Gaudlitz’ Schulter, ihre großen, leuchtenden Augen starrten in die Kaminglut. Gaudlitz’ Herz schlug ruhig und stark, im gleichen Rhythmus mit dem ihren, und ihr beider Blut sang das gleiche Lied einer reinen, frohen Liebe.
„Wannsee wäre schön“, sagte sie verträumt ...
Ganz schattenhaft drängte sich ihres Kindes zartes Gesicht in die jubelnde Seligkeit ihres Empfindens ... aber nur wie aus weiter, nebelhafter Ferne. Sie preßte ihren Kopf fester an Gaudlitz’ Schulter ...
Hier war die Gegenwart ... Hier war ihr Leben ... ihre Zukunft. Das andere mußte vorbei sein .... für immer ... „bis die Wunde vernarbte.“
„Also Wannsee. Einmal muß ich auch nachgeben.“ —
Alice war immer glücklich, wenn der Bruder im Frühjahr nach Wien kam. Dann ergriff sie jedesmal die Gelegenheit zu langen Wanderungen über die Berge. Es traf sich gut, daß Karla acht Tage nicht beschäftigt war. In kurzen Lodenröcken, den Mantel über den Rucksack gerollt, den Bergstock in der Hand, mit nägelbeschlagenen Schuhen, so traten Alice Reichenberg und Karla in Begleitung von Gaudlitz ihre Wanderschaft an. Die vielen Zufälle, Beschwerden, Überraschungen und Unbequemlichkeiten, die ständige Nähe und das Aufeinanderangewiesensein, die eine solche Wanderschaft bedingte, hatte Alice immer Einblick gewährt auch in die verschlossenste Seele. Wenn nicht für den Bruder, so doch für sie selbst waren diese Tage gleichsam ein letztes Überprüfen.
Sie zerstörten ihre letzten heimlichen Bedenken. Und als sie zurückkehrte, sagte sie zu ihrem Mann: „Die zwei Menschen hat der liebe Herrgott in seiner schönsten Laune für einander erschaffen!“