Er knipste seinen Nagel.

„Sie sehen nur Kritiken, Schleifen, Blumen, Geld ... Ehren ... Und wenn’s viel davon gab, dann glauben Sie, nun wär’s genug. Falsch, Pauline ... ganz falsch. Unsereins hat nie genug — nie. Bis zum Ende nicht. Sie glauben vielleicht, daß ich zu bedauern bin, weil ich Geld verdiene damit ... nö ... nö ... Aber — weil es doch ein bißchen was ist von früher! Weil ich mich jung fühle, wenn ich noch in Stuhlhöhe aufspringen kann, verstehn Sie? Weil ich mich leben fühle, wenn ich sehe, wie die jungen Grasaffen mir nacheifern, weil alles, was von mir auf sie übergeht, wieder auf mich zurückstrahlt ... tja ... gewissermaßen ... weil, wenn ich einen zwischen die Hände kriege, der was lernt von mir, ich mir einbilde, daß seine Grazie meine Grazie, sein Können mein Können, sein Glück mein Glück ist. Meine Tochter ist ja noch jung. Die braucht noch nicht in ihren Schülern aufzuleben ... die kann noch selbst ... die hat das Glück noch ganz allein ... aus sich heraus ... Na, was ist denn, Pauline — was glotzen Sie mich an?“

Und weil Pauline nicht antwortete, sondern nur ihre hübschen verweinten Augen zur Decke hob, als wollte sie ihren lieben Herrgott zum Zeugen anrufen gegen die lästerlichen Reden ihres Herrn — da warf der Papa, obwohl er wußte, daß Pauline ihrerseits das „in den Tod nicht leiden konnte“, seine Zigarette in das halbgeleerte Teeglas, rollte seinen Schachtisch in den Lichtkreis der Hängelampe und stellte mit ärgerlichem Nachdruck die Figuren auf. — — —

— — — Karla wankte zwischen Alice und Fürst Reichenberg hinter dem Geistlichen her, der die sterbliche Hülle des Grafen Hans Joachim Gaudlitz der Erde übergab.

Hinter den Dreien, als erster der langen Kette der Trauergäste, schritt der ehemalige Tänzer.

Er hielt mit Würde und Anmut einen großen Kranz, auf dessen schwarzen Schleifen in Gold aufgedruckt war: „Der Berliner Schachklub seinem treuen Mitglied“. Aber dem Ordner hatte er zugeraunt, daß er der künftige Schwiegervater des Verstorbenen wäre und ein Recht hätte, als erster hinter den nächsten Leidtragenden zu gehen.

Daß die Vertreter der vornehmen Klubs ihm mit ihren Kränzen folgen mußten, weckte nur in den ersten Sekunden eine kleine boshafte Freude in seinem Herzen.

Aber „das Mädel“, die Karla, wollte er nicht aus dem Auge verlieren. Zum Donnerwetter ja ... er war doch schließlich der einzige, der wirklich zu ihr gehörte! Sehr nett .... die Reichenbergs .... aber verwandt .... nee ... verwandt war sie nicht mehr mit ihnen. Die kehrten zurück nach Wien in ihr fabelhaftes Palais ... Karla hatte dort nichts mehr zu suchen .. Das wußte sie auch ebensogut wie er. Mit der „Fast-Verwandtschaft“ renommierte sie nicht. Die Welten waren wieder geschieden ... reinlich getrennt durch diesen Tod.

Armes Mädel! Pauline hatte recht. Aber ... na ja ... wie alt war sie denn eigentlich? Noch nicht fünfunddreißig. Da fingen andere erst an, die ersten großen Lorbeeren einzuheimsen. Und sie .... Nur die Hand brauchte sie auszustrecken ... nur einen Ton zu sagen brauchte sie, und zwei Weltteile stritten sich um sie ... Das würde sie schon einsehen ... mit der Zeit ... Wenn nur die Reichenbergs ihr nichts einredeten! Sicher war man nie mit diesen Leuten.

Karla weinte während der Beerdigung nicht. Nur ihr Körper schauerte zusammen, wie im Fieber.