Kaum genesen von ihrer Krankheit, hatte sie Pauline nach der Landgrafenstraße geschickt. Luise hatte sie nicht über die Schwelle gelassen. Mit freundlichen, aber bestimmten Worten hatte sie gebeten, das Kind nicht aus seiner Ruhe zu scheuchen. Als Pauline etwas von Karla hatte sagen wollen, schnitt Luise ab mit einem entschiedenen: „Es ist erledigt, Pauline. Stören Sie unseren Frieden nicht.“

Viel sanfter, viel wortreicher hatte Pauline es wiedergegeben; aber aus ihren zornfunkelnden Augen erriet Karla die Wahrheit.

Einige Wochen darauf hatte sie selbst dem Kinde aufgelauert, nach Schulschluß. Sie hatte gehofft, es allein zu treffen, wollte es einmal noch in ihre Arme schließen, einen kurzen, armseligen Trost schöpfen aus dieser Umarmung.

Da sah sie Luise aus dem Schulhof treten. Ihr dunkler Scheitel war grau geworden, aber sie hielt sich gerade und aufrecht wie immer.

Schmerzchen, schlank und groß für ihr Alter, schritt an ihrer Seite, ebenso gerade wie sie, den Ranzen ordentlich auf der Mitte des Rückens, die feinen Hände um den Lederriemen an den Achseln geschlungen. Karla löste sich los von dem Mauervorsprung, hinter dem sie sich verborgen.

„Schmerzchen! ... Schmerzchen!“ schrie sie auf.

Das Kind fuhr zusammen, blieb stehen, blickte geradeaus. Luise faßte sie bei der Hand, ihre schmalen Augen unter den geraden Brauen sahen kalt und feindlich über Karla hinweg. Kalt und fremd blickten die Augen des Kindes.

So gingen sie vorüber — um keinen Schritt rascher als vorher, nur enger aneinandergepreßt, wie in Abwehr einer gemeinsamen Gefahr.

Karla mußte sich an die Anschlagsäule lehnen. Da sie die Augen schloß, sah sie auch nicht, wie kurz vor der Straßenbiegung das Kind den Kopf nach ihr umwendete — hastig und heimlich.

Sie sah es nicht und wußte nur, daß alles, was sie versuchen mochte, um sich dem Kinde zu nähern, auf unbesiegbaren Widerstand stoßen würde.