An der durfte nicht gerüttelt werden. Auch wenn er nie von ihr sprach.

Selbst Schmerzchen gegenüber scheute er sich, von ihr zu reden. Wie ein Haushalten war es, ein ängstliches Sparen. So rasch zerflatterte alles, wenn es in Worten ausgegeben wurde ...

Schmerzchen aber dachte manchmal, daß sie so oft von der Mama träume, weil sie jetzt in ihrem Bett schlief, das man in ihr Zimmer gestellt hatte. Aber das sagte sie niemand. Nicht einmal Onkel Alwin, der sie zum Spazierengehen abholte und ihr dabei so viel von der Mama erzählte.

Manchmal holte der Onkel eine Zeitung aus der Tasche; las ihr vor, aus Kunstberichten in fernen Städten. Oder er zeigte Bilder von ihr, die neuesten Aufnahmen — in Bühnenkostümen oder in wundervollen Kleidern, reichen Schmuck um den Hals.

Jung und schön sah die Mama immer noch aus — schöner gewiß als auf Papas Schreibtisch. Aber kein Lachen lag mehr in den dunklen Augen, um den lieben Mund.

In stiller Versonnenheit kehrte Schmerzchen von ihren Spaziergängen mit Onkel Alwin heim — dem Professor, wie er jetzt genannt wurde.

An Schmerzchens vierzehntem Geburtstage kam wieder nach langer Zeit die ganze Familie in der Landgrafenstraße zusammen. Nur Adele fehlte. Ihr langersehnter Wunsch, „Frau Professor“ zu heißen, war ihr erst geworden, als Alwin Maurer seinen Abschied nahm und ihm der Titel als eine letzte Ehrung nachgeworfen wurde. Es war um die Zeit, als Fritz von der Schutztruppe zurückkehrte und Margot Laurin heiratete.

„Jetzt braucht Ihr Euch um nichts zu sorgen, alte Herrschaften“, hatte er da gesagt.

Adele aber, die allen Sorgen, allen Aufregungen und Entbehrungen standgehalten hatte, erlag der ungewohnten Ruhe satter Beschaulichkeit.

So kam es, daß Alwin Maurer seine Schritte öfter noch nach der Landgrafenstraße lenkte, als zu Karlas Zeiten — denn durch ihn sollte Schmerzchen es begreifen lernen, daß es Eltern geben konnte, die beide schuldlos waren, auch wenn sie auseinandergingen.