Karla streifte ihren Mann mit einem zagen Seitenblick. Wie ein Denkmal saß er da in seiner steifen Unbeweglichkeit, mit seinem schönen, starren Gesicht.
„Besten Dank, Papa ... bitte bemühen Sie sich nicht ...“
Sie hatten nicht gleich im ersten Augenblick das „Du“ gefunden. Und nun blieb’s beim „Sie“, das ein paar Meter Entfernung zwischen sie legte.
Papa knabberte mit seinen sehr weißen Porzellanzähnen an dem Gebäck und schlürfte den Tee mit leisem Vibrieren seiner feinen Nasenflügel.
„Tja ... meine lieben Kinder ... Ihr wollt also das große Ereignis hier in Berlin abwarten? Charmant, charmant. Ich hätte mich ja noch gern ein Weilchen geduldet mit Großvaterfreuden, denn ... eine noch unsichere Karriere gleich mit Elternsorgen zu beginnen, das ist ... na ja ... Aber natürlich, lieber Schwiegersohn, will ich Ihrer Beurteilung der Sachlage nicht vorgreifen. Meine gute Frau hätte ja am liebsten ein Dutzend solch kleiner Schreihälse und Freßmäuler gehabt ... tja ... Da muß man eben den tauben Mann spielen. Im Interesse des Hauses und ... tja ...“
Papas tenorale Stimme durchdrang den hellen Raum wie eine Kindertrompete. Gleichzeitig klopfte er Karla liebevoll auf die Wange.
„Armes Kind! War es so pressant? ... Tja ... das Temperament ... das verflixte Temperament! ... Das ist ein Erbteil ihrer Mutter. Ein Vulkan war meine gute Frau — ein Vulkan! Hat uns kurz gehalten, deine gute Mutter, wie?“
Er führte Karlas Fingerspitzen an seine Lippen und knabberte ein neues Küchelchen an.
„Mein lieber Schwiegersohn, als meine gute Frau starb, da blieben wir zurück — Karla und ich — wie zwei Vögel, die Jahre lang im Dunkel gehalten — plötzlich freigegeben worden sind. Wir wagten uns die ersten Tage kaum an den verschlossenen Schrank der Kredenz ... nicht wahr, mein Kind? Erst ganz allmählich und nachdem Karla mich verlassen hatte, erwachte ich aus der Erstarrung, ergriff sozusagen Besitz von dem, was mir gehörte. Der Umzug in diese helle freundliche Wohnung machte ein übriges. Tja ... und nun finde ich auch, daß das Leben recht erfreuliche Seiten hat, wenn man ein bißchen an sich selbst denken darf.“
Altmann wollte einwerfen: Sie hatten aber noch ein Kind, und dieses Kind darbte. Aber er fühlte, daß er dem alten Herrn damit nicht kommen durfte. Vielleicht hätte er in der Jugend alles verpraßt, wenn die Frau ihm sein bißchen Gut nicht mit erbarmungsloser Strenge zusammengehalten hätte. Im Alter war er eben selbstsüchtig und genüßlich geworden.