Sie hatte etwas Hausmütterliches, an dem er sich erfreute. Und sie war anschmiegend, wenn sie satt war, wie eine schnurrende Katze.
Eines Abends hatte es in Strömen gegossen; sie fragte sehr besorgt, ob er sich nicht nasse Füße geholt hätte. Ehe er sich’s versah, brachte sie ihm die Hausschuhe aus der Schlafstube.
Er wurde ärgerlich.
„Was machst du denn?! Ich mag so etwas nicht leiden.“
Aber im tiefsten Innern empfand er es angenehm. Wie ein freundliches Erinnern. So war es in seinem Elternhause üblich gewesen. Mutter stand hinter der Gardine und spähte auf die Gasse hinaus. Wenn der Vater an der Ecke sichtbar wurde, stellte sie je nach der Jahreszeit die Filz- oder die leichten Schuhe aus Segeltuch bereit.
Er fragte nach Karlas Eltern. Zum erstenmal.
Der Vater war Tänzer gewesen. Zar Alexander der Zweite hatte ihm eine goldene Uhr geschenkt, mit Brillanten. Die Mutter hatte die Brillanten ausbrechen lassen und verkauft. Die Mutter war eine große, stattliche Frau gewesen, sehr energisch. Sie selbst hatte Karla den ersten Gesangunterricht gegeben. Die Ohrfeigen waren dabei in aller Liebe rechts und links um ihre Wangen geflogen. Die Mutter wollte sie zur Operette bringen. Aber der Vater hielt nur von großer Kunst etwas. Ein Dresdener Hofopernsänger, mit dem er, wenn auch in verschiedener Art, jahrelang in Braunschweig gewirkt hatte, versprach ihm, sich der Kleinen anzunehmen und sie für die Oper auszubilden. Der erste Brief an Karlas Eltern lautete: „Was wollt Ihr eigentlich? Das Mädel hat nichts bei mir zu lernen. Die Stimme sitzt so natürlich und gut, daß unsere großen Sängerinnen bei ihr in die Schule gehen könnten! Ihr Temperament ist unbändig. Sowie wir hier eine Vakanz haben — bringe ich sie unter.“ Um die Zeit erkrankte die Mutter und starb. Karla mußte die erste Zeit beim Vater bleiben, der sich nicht zurechtfand im Leben ohne seine energische Gefährtin.
Aber er wollte nicht, daß sie ihre Zeit bei ihm verlor, und gab ihr Unterricht in seiner Art. Wenn sie auch nicht mehr auf die Hofoper rechnen durfte — ihr Handwerk mußte sie auch für eine kleine Anfangsbühne beherrschen. Er stellte Stühle im Zimmer auf, vor denen sie sich verneigen, niedersinken lassen mußte. Der eine war ihr Liebhaber, dem sie sehnsuchtsvoll die Arme entgegenbreitete, der andere ihr Feind, auf den sie sich mit einem Dolch stürzte. Sie mußte in Ohnmacht fallen oder der Länge nach wie tot hinschlagen. Einen besonderen Spaß machte es ihr, sich zu vergiften.
„Damit habe ich auch meine größten Erfolge gehabt.“
Altmann liebte es aus erzieherischen Gründen nicht, daß sie je von ihren „Erfolgen“ sprach. Aber diesmal — weil es gar so kindlich klang, ließ er es durchgehen.