Noch einmal setzte sie an. Aber nur ein heiserer, tonloser Laut entrang sich ihren Lippen.

Da stand sie auf, schloß behutsam den Deckel und wartete eine Weile. Wartete, bis das Zittern ihrer Knie nachließ und sie gehen konnte.

Wie ein nasses Linnen legte sich die heiße Zimmerluft an ihre bleichen Wangen. Dr. Maurer öffnete leise die Tür:

„Was ist dir, Karla, warum so still?“

Aber sie gab ihm keine Antwort, machte nur eine hilflose Bewegung mit der Hand und wankte ins Berliner Zimmer hinein, wo Adele zwischen einem Berg von Kinderwäsche über ihrem Wirtschaftsbuch saß.

Endlos dehnten sich die Wochen hin. Immer mehr Zeit brauchte Karla, um die kurze Strecke zurückzulegen, die ihre Wohnung von der ihrer Verwandten trennte. Manchmal sagte sie sich, es wäre das beste, sie bliebe den ganzen Tag im Bett liegen. Aber sie wußte, daß ihr Mann dann auch nicht ausgehen würde, und sie konnte nicht mehr sein nervöses, finsteres Gesicht sehen, ohne Herzklopfen zu bekommen.

Eines Tages bekam er das Anerbieten, für einen plötzlich erkrankten Fachkollegen im Liegnitzer Sommertheater einzuspringen. Auf drei, vier Wochen höchstens. Er wollte Karla mitnehmen. Aber die Schwestern gaben das nicht zu. Er konnte Karla doch jetzt keine Reise zumuten! Sie mußte sich schonen, pflegen — um des Kindes willen vor allem.

Der jähe Freudenfunke, der in Karlas Augen aufgeblitzt war, erlosch. Aber sie widersprach nicht. Sie ließ wortlos über sich verfügen; wäre nach China gefahren, wenn man sie dorthin geschickt hätte, und würde sich nicht aus ihrem Zimmer gerührt haben, wenn man es für nötig gefunden hätte, sie dort einzuschließen.