Nur als sie Altmanns Kopf in dem Fensterrahmen des abfahrenden Zuges erblickte, da überkam sie etwas wie Verzweiflung. Sie mußte sich auf eine Bank setzen und schluchzte eine ganze Weile still vor sich hin.

Es war abgemacht worden, daß sie nur das erste Morgenfrühstück zu Hause einnehmen sollte, alle anderen Mahlzeiten aber bei Adele. Adele hatte einen durchaus angemessenen Preis bestimmt. Sie wollte sich um Gottes willen nicht bereichern an dem Bruder.

„Seine Leute“ benahmen sich eben „großartig“. Das mußte Karla immer wieder ihrem Manne zugeben. Er verlangte geradezu, daß sie es betonte und es sich immer wieder ins Gedächtnis rief.

Es war nicht seine Schuld, wenn Karla schon beim ersten Aufwachen die Verpflichtung, den Tag in der Culmstraße zu verbringen, als eine drückende Last empfand.

Die Schwestern konnten es sich nicht erklären, warum Karla so schlecht aussah. Sie litt doch wahrhaftig keine Not! Die Stimme? ... Die kam schon wieder ... und wenn nicht — du lieber Gott — da war sie eben keine Sängerin mehr, brauchte sich nicht an allen möglichen Theatern herumzutreiben. Dann hatte sie ihr Kind ... und vielleicht kam das zweite ... Ernst würde sich dann auch um etwas anderes umsehen. Die große Versicherungsgesellschaft, bei der sie versichert waren, hatte im vorigen Monat einen verkrachten Theaterdirektor angestellt, mit vierhundert Mark monatlich ... Hochfeine Stellung. Wenn Ernst die Fühler ein wenig ausstreckte, wenn ...

„Aber mir wurden doch für nur zwei Gastspielabende vierhundert Mark geboten!“

Sie schrie es förmlich heraus, als könnte sie damit den großen Stein wegschieben, den die Schwestern ihr auf die Brust rollten.

Adele zuckte die Achseln.

„Ist ja Unsinn ... Zufall .... Aber nur keine Aufregung, Karla ... das schadet dir.“

Dr. Alwin Maurer verbrachte jetzt fast jeden Abend außer dem Hause.