Er fühlte sich nicht mehr behaglich in seiner Wohnung. Karlas Lage weckte Erinnerungen in ihm aus seinem eigenen Leben.
Er schlief unruhig. Einmal träumte er, Adele und Luise stünden mitten unter einem Schwarm seltener, buntschillernder Vögel. Sie griffen in die Luft, fingen einen Vogel und beschnitten ihm mit einer großen Schere beide Flügel. Dann griffen sie nach einem zweiten, einem dritten und so fort.
Seitdem sah er sie immer wie in seinem Traum. Ihm hatten sie die Flügel beschnitten, jetzt beschnitten sie sie Karla .... Er konnte nicht helfen. Da ging er lieber fort.
Eines Nachmittags gab Karla vor, daß sie sich elend fühle und zu Bett wolle. Adele gab ihr ein paar Stullen mit und allerlei gute Ratschläge. Wenn „ihr etwas wäre“, solle sie gleich zu ihr herüberschicken.
„Hörst du, mach’ ja keine Dummheiten.“
Es war so gut gemeint. Karla hätte sich selbst prügeln mögen, als es ihr zum Bewußtsein kam, daß sie die Wohnung verließ wie ein Gefängnis. Sie sah sich sogar auf der Straße um, ob ihr niemand folgte; denn Adele hatte ihr Vicki mitgeben wollen. Aber nein — sie stand allein auf der Bülowstraße.
Hatte sie diesen Entschluß schon in der Culmstraße gefaßt oder war es plötzlich über sie gekommen wie eine Eingebung — sie hätte es nicht zu sagen vermocht. Sie stieg in die erste Elektrische ein, die gerade stehenblieb, und ließ sich mitnehmen.
Sie sah nicht die belebten Straßen vor sich, sondern ein stilles, helles Zimmer mit seidenen Stühlen, einem Schachtisch vor dem Fenster, einem Glasschrank, mit feinen Meißener Tassen und vielen Schleifen an den Wänden.
Trotz der noch kaum abgekühlten Luft fror sie, und es war ihr, als könnte ihr nur dort — in dieser hellen Stube mit den schönen Sachen und den vielen Erinnerungen warm werden.
Ja, sogar Papas kalte, tenorale Stimme schreckte sie nicht ab. Sie würde den Umhang nicht ablegen, und Papa würde ihr Tee bringen und ganz feine Brotschnittchen. Er würde ihre Hand tätscheln und fragen: „Na, Kleine, wie geht’s?“