Und diese wenigen Worte würden ihr viel, viel mehr bedeuten als alles, was die Schwägerinnen ihr sagten. Denn sie würden sie erinnern an tausend gleiche Fragen aus der Zeit ihrer Kindheit.

Diese Kindheit aber — so wenig freudvoll sie gewesen war — jetzt sah sie sie in einem verklärten Lichte. Sie atmete den Morgenkaffee ein, den die Mutter vor sie hingesetzt hatte, und den Duft der Äpfel in der Ofenröhre. Mutter war hitzig und hatte eine lockere Hand, aber Mutters Hand war auch weich, wenn sie Karlas Haar bürstete oder ihr über die Wangen fuhr, wenn sie mit einer guten Zensur nach Hause kam. Mutters Hand war auch geschickt und willig, all die hundert Risse und Löcher zu stopfen in Schürzen, Röckchen und Strümpfen. Mutters Hand war sparsam im Alltag, war aber auch freigebig zu Weihnachten und an Karlas Geburtstag. Da zählte sie nicht die Äpfel und Pfefferkuchen und geizte nicht mit netten, nützlichen Sachen. Das Schönste freilich war immer von Papa: ein glitzerndes Kettchen etwa, ein silberner Armreif, ein blinkendes Kreuz oder seidenes Tüchelchen. Der Papa tänzelte dann immer so drollig gespannt um den Gabentisch und winkte ab: „Ta ta ta“, wenn sie ihm an den Hals flog.

Es war eigentlich nicht recht, daß sie sich so viel mehr über Papas Kinkerlitzchen freute als über Mutters gediegene Sachen. Aber daran war nun mal wieder nichts zu ändern, und Mutter konnte nichts tun, als mit einem Donnerwetter dazwischenfahren, wenn sie den Papa gar zu stürmisch umhalste und ihn nicht loslassen wollte.

Karla saß in der Elektrischen und merkte es gar nicht, daß ihr die Augen schwer wurden von dicken Tränen. Sie hatte eine solche Sehnsucht nach den paar Zimmern, die „ihr Zuhause“ umschlossen, nach dem Papa, auf dessen Schoß sie einst gesessen, nach dem „Ta ta ta“, mit dem er ihr vielleicht das Wort abschneiden würde, wenn sie ihm ihre Sehnsucht gestand ...

Der Wagen hielt am Lützow-Platz. Sie mußte aussteigen. Sie durchquerte den Platz und bog in die Schillstraße ein. Es war noch hell, aber doch senkten sich schon bläuliche Schatten zwischen die weißen Häuser.

Die Straße machte ihr auch heute einen neuen, lustigen, friedlichen Eindruck. Einzelne Damen blieben mit den Blicken länger an ihr haften, als es allgemein üblich war, und lächelten dann halb gerührt, halb ermutigend.

Ja ... sie war wohl schon sehr stark ... Das Gehen wurde ihr auch schwer, und das zweite Leben in ihr wurde oft ungebärdig. Manchmal mußte sie stehen bleiben, weil sie meinte, es schnüre ihr etwas den Atem ab. So war es eben jetzt ... Doch sie mußte lächeln in all ihrer Not. Und sie murmelte vor sich hin:

„So ein Nichtsnutz ... so einer ...“

Gewiß, es wurde ein Junge. Schon jetzt dachte sie an den künftigen Beschützer. Sie war zu dumm der Welt gegenüber, und Altmann war zu starr. Aber der Sohn — der würde alles verstehen, alles zwingen — und wer seiner Mutter nahekam, na — der sollte sich nur vorsehen! ...

Sehr langsam stieg sie die Treppe hinauf. Der Papa wohnte zwar nur im zweiten Stock, aber die Stufen waren merkwürdig hoch. Sie hätte unten pfeifen sollen, den alten Pfiff, mit dem Papa sie rief ... Sie hatte einen Gegenpfiff darauf erfunden — aber Mutter schimpfte, wenn sie pfiff. So geschah es nur, wenn sie außer Hörweite waren. Und nach ihrem Tode hatte keiner mehr an den Pfiff gedacht. Aber jetzt ... Karla spitzte die Lippen ... Nein, es ging nicht. Der Mund war ihr ganz trocken. Der Papa mußte ihr vor allem etwas zu trinken geben. Herrgott im Himmel: „Nichtsnutz, abscheulicher!“ Sie hielt sich an der Rampe fest.