„Papa ist nicht zu Hause ...?“

„Zum Schachkongreß ist er gefahren, nach Leipzig. Aber das macht ja nichts. Kommen Sie nur immer ’rein. So zerstreut ist der Herr Papa. Keinen Schüler hat er benachrichtigt. Was da alles los war heute! Zerrissen hätten sie mich fast. Und ich kann doch nichts dafür, nicht wahr? ... Das kommt alles so plötzlich beim Papa. Hat noch wunderschön gefrühstückt, Zeitung gelesen und dann auf einmal: ‚Pauline, Handkoffer ... packen, ein bißchen schnell, ... um 10 geht mein Zug ...‘ Na, ich kenne ihn ja jetzt schon, den Papa. Dagegenreden hat gar keinen Zweck. Hab’ ihm den Koffer gepackt ... auf drei bis vier Tage rechnet er ja ... na und dann: Gott befohlen! Auf der Treppe hat er noch einmal kehrt gemacht. Ist gar kein gutes Zeichen ... aber er war ja nicht zu halten. Die letzte Schachzeitung mußte er noch mitnehmen. Alles hat er durcheinandergeworfen, und wie ich schließlich die Tür zumache hinter ihm und aufräumen will, wo liegt die Schachzeitung? ... Unter seinem Kopfkissen! ... Also ich — Hut aufgesetzt, Regenmantel um und los, mit der Elektrischen! Habe ihm das Blatt noch durchs Coupéfenster gereicht! Das war eine Freude! Ich kann Ihnen sagen ...! Aber nu legen Sie ’n bißchen ab, gnäd’ge Frau. Ich mach’ Ihnen auch was zurecht: Himbeersaft mit Selter oder kalte Milch mit ’nem Schuß Kognak ...“

„Danke, danke ...“

Karla war selbst zum Ablehnen zu schwach. Ganz käsig war sie im Gesicht. Sie saß zusammengesunken auf einem der hübschen Sessel in Papas Wohnstube, und ihr war, als hätte sie eine lange, lange Reise gemacht. Sie konnte doch jetzt nicht gleich zurückfahren ... sicher brach sie dann irgendwo zusammen.

Das Zimmer roch nach Seife, Luft und Bohnerwachs. Der Schachtisch war mit einer Zeitung zugedeckt. Ein Fußkissen lag noch auf dem Sofa. In den Ecken sammelten sich graue Schatten.

„Wie das nachstaubt, gnäd’ge Frau ... nicht zu glauben. Mit dem Herrn Papa seinem Schlafzimmer bin ich zuerst fertiggeworden. Hier habe ich morgen auch noch zu tun. Aber es eilt nicht. Wo ist denn der Herr Gemahl ... wenn ich fragen darf? ...“

„Mein Mann hat ein Engagement bekommen, da war ich denn allein, und ...“

Pauline kniff die Augen zusammen und band sich das Kopftuch ab, so daß ihre breiten Flechten wieder zum Vorschein kamen.

„Naja, freilich ... So ein junges Frauchen. Wenn ich gewußt hätte, daß ich darf ... aber nicht wahr. Man weiß nicht ... aufdringlich will man nicht sein ...“

„Nein ... gewiß.“