Pauline kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Die junge Frau da würde doch nicht ... Sie stellte ein paar Fragen. Sachlich. Kurz. Sie wußte Bescheid — hatte genug junge Frauen in der Lage gepflegt. „Geprüft“ ... nein, staatlich geprüft war sie nicht. Nur ein verständiges Frauenzimmer, das so viel wußte, wie jede Frau wissen sollte. Und dann ... na ja ... Sie war auch mal Mutter gewesen. Hätte es besser treffen können; aber nun hatte sie den Mann doch liebgehabt ... Waren jetzt beide längst nicht mehr auf der Welt — nicht der Mann, nicht der Junge. Und sie hatte nicht nötig, das auch nur zu erwähnen. Aber als Schande hatte sie es nie angesehn. Nur als Unglück. Und von seinem Unglück mußte man immer mal reden. Auch der Herr Papa wußte es. Freilich, wenn der Junge lebte und sie vielleicht besuchte oder gar an ihren Rockschößen hinge, würde es ihm nicht lieb sein; denn der Herr Papa wollte Ruhe haben in seinem Haus und mochte Kindergequak nicht leiden.
Karla unterbrach. Das waren wenig tröstliche Aussichten für ihr Kind. Sie fuhr sich über die Augen.
„Ta ta“, machte Pauline. „Wenn’s ein Mädchen ist und sechzehn Jahre wird, da sollen Sie den Großpapa sehen! ...“
Nun mußte Karla wieder lachen. Auch über Paulinens „Ta ta“. Das hatte sie doch richtig von Papa angenommen. Wie lange sie denn schon beim Papa wäre?
„Na, an die vier Jährchen werden es sein. Du lieber Himmel, sah das aus beim Herrn Papa! Als wenn er mit allen Gegenständen in der Wohnung Ball gespielt hätte: Im Schlafzimmer fand ich zwei Pfannen und ein Reibeisen, in der Küche die schönen Hemdknöpfe und das Tintenfaß aus Onyx, in der Wohnstube lagen Kissen, Kleider und Küchentücher durcheinander. Bis man da Ordnung machte! Am besten war schon, man zog aus. Erst wollte der Herr Papa nichts davon wissen, hat zwei Wochen kein Wort mit mir gesprochen! Na, aber dann — wie alles hier nett auf dem Platze stand“ ... Da hätte Karla ihn hören sollen! „Jedem, der kam, sagte er, daß es schon längst seine Absicht gewesen wäre, umzuziehen, aber er hätte nur das Richtige nicht gefunden bis jetzt! Dann aber hätte er seiner Pauline anbefohlen, unverzüglich zu packen! Und nun hätte er sich nach seinem Geschmack auch alles gestellt und eingerichtet, und seine Pauline wäre ein ganz brauchbares Frauenzimmer!“
„Ach ja“ — — —
Pauline hatte schon längst zu essen aufgehört und stichelte an einem Nachthemd von Papa, dessen Kragenbund sie erneuerte. Sie hatte ein lachendes und ein nasses Auge, da sie vom Papa sprach, und ein liebes, drolliges Lächeln um den Mund.
„Papa war immer sehr unpraktisch“, sagte Karla. „Ich glaube, ich bin so wie er. Nur äußerlich bin ich Mutter nachgeraten.“
Pauline nickte.
„Das ist so mit Künstlern. Habe ich schon oft gehört. Darum müssen sie jemanden haben, der ihnen das Haus zusammenhält.“