Karla wurde sehr blaß, und im selben Augenblick krampfte sich ihre Hand um die Stuhllehne. Sie versuchte zu lächeln, aber ihre Oberlippe wurde wie von einem Krampf heraufgezogen, klebte plötzlich dünn und dürr an den Zähnen:

„... Aber mir ist doch ganz ... gut ... ganz ... gut ...“

Ein Frostschauer durchrüttelte ihre Gestalt; ihre Augen weiteten sich. Das Surren der Gasflammen verstärkte sich in ihrem Gehör zu einem betäubenden, herzbeklemmenden Getöse.

„Gut ... sehr gut ...“

Sie formte die Worte, ohne recht zu wissen, was sie sprach. Nur das Entsetzen starrte, keine Deutung zulassend, aus ihren runden, weit aufgerissenen Augen.

„Warten Sie ... ich hole nur mein Tuch. Unten stehen Wagen ... ich fahre mit ...“

Karla nickte. Sprechen konnte sie nicht — vor Grauen. Wenn das Kind jetzt kam — schon jetzt — dann ... Lieber guter Gott ... nur leben sollte es ... nur leben! ... Wenn alles umsonst gewesen war, wenn ...

Sie wollte in die Knie sinken, die Hände bittend emporheben. Ihr Körper gehorchte ihr nicht. Weder die Arme, noch die Knie. Ihre Hände lagen noch immer auf der Stuhllehne, ihr Körper krümmte sich. Von der Wand blickten zierliche Ballerinen auf sie herab, mit eingefrorenem Lächeln und gerundeten Armen, schöne Schauspielerköpfe mit dem Ausdruck kühner Welteroberer, ein Bild der Mutter als „Schöne Helena“, massiv und üppig, ganz unkenntlich und fremd unter der blonden Perücke. Aber es war das einzige Bild von ihr, das sich erhalten hatte.

„Mutter,“ stöhnte Karla, „... Mutter ...“

Als wäre sie noch ein kleines Mädchen, das sich eine Beule geschlagen und nun nach ihr schrie. Als hätte sie nicht einen Mann, der sie liebte und sich um sie sorgte, als hätte sie nicht eine Schwägerin, deren Tagesinhalt die Vorbereitungen waren zum Empfang ihres Kindes, eine andere, die sich um sie mühte wie eine ältere Schwester ... Sie wiederholte immer nur: „Mutter! Mutter!“, als läge in diesem einen Wort alle Hoffnung, aller Frieden, alle Sehnsucht und alle Erfüllung ihres gemarterten Weibtums.