Wenn also sprachlich zwischen den Waschaschi und Wasinja eine grosse Aehnlichkeit besteht, die möglicherweise auf gemeinsamen Ursprung deutet, so haben sich diese beiden Stämme, durch den Keil der Wanyamwesi (Wasukuma) getrennt und sehr verschiedenen Einwirkungen ausgesetzt, so verschieden entwickelt, dass sie heute kaum mehr einen Zusammenhang ahnen lassen.
Unter Wasinja verstehen wir hier die Bewohner des alten Königreiches Usinja, welches die heutige Landschaft dieses Namens, ferner Ussambiro und Ussui umfasste. Doch sind die Bewohner des westlichen Nyansaufers bis zur Grenze von Uganda, sowie jene von Karagwe, Ankole und den nördlichen Landschaften bis Unyoro hin gleicher Sprache und wohl auch gleichen Stammes mit den Wasinja.
Die genannten Landschaften gehören mit Uganda einerseits und Urundi, Uha und Ruanda andererseits jener Gruppe von Bantu-Völkern an, welche durch das Eindringen eines nördlichen, hamitischen Elementes aufs Tiefste beeinflusst wurden, so dass es unmöglich erscheint, von ihnen zu sprechen, ohne vorerst die heutigen Vertreter dieses hamitischen Elementes, die Watussi, erwähnt zu haben. Dieselben werden, besonders wo sie nicht als Hirten, sondern als Herrscher auftreten, auch Wahima oder Wahuma genannt. Da jedoch derselbe Ausdruck in vielen Gegenden auch die Massai bezeichnet, da ferner die Leute selbst sich stets Watussi nennen, so möchte ich die Beibehaltung dieses Namens vorschlagen.
Ueber die, jedenfalls seit undenklichen Zeiten ansässige Bantu-Ackerbaubevölkerung, welche in die drei Hauptgruppen Waganda, Wanyoro (Wasinja) und Warundi gegliedert ist, ergoss sich vor vielen Jahrhunderten ein Einwandererstrom von hamitischen Hirten, die Süd-Abessinien oder den nördlichen Galla-Ländern entstammten. Dass sie wirklich aus diesen Gegenden herkamen, beweist nicht nur ihr körperlicher Typus, den sie in vielen Gegenden bis zum heutigen Tage rein erhalten, sondern auch die Rinderrasse, welche sie mitgebracht. Dass die Einwanderung eine alte, und der Zeitpunkt, als dieselbe erfolgte, mindestens ein Jahrtausend zurückliegt, dafür zeugen nicht nur die Genealogien der Watussi-Herrschergeschlechter, welche von Uganda und anderen Ländern überliefert werden, sondern vor Allem auch die fast gänzliche Umwandelung, welche das Volk der Watussi erlitten hat. Denn jedenfalls waren sie Anfangs ein sprachlich und ethnographisch selbständiges Volk, wie heute die Massai, doch finden wir, dass gegenwärtig alle Watussi die Bantusprache der Ackerbauer angenommen haben und sich auch in Tracht und Lebensweise nur wenig von diesen unterscheiden. Wohl mag es sein, dass einzelne Zweige der Watussi noch Spuren der Ursprache erhalten haben — wie von den Hirten in Uganda behauptet wird —, doch ist darüber noch nichts sicheres bekannt.
Die heute lebenden Watussi finden sich als Hirten oder als Häuptlinge der Ackerbauer. Die ersteren haben sich reiner und ursprünglicher erhalten, die letzteren sind nur durch ihren Typus als Watussi erkennbar. In meinem Forschungsgebiet traf ich Watussi-Hirten in geschlossenen Massen in den Gebirgen nordöstlich vom Tanganyika. Als Hirten-Adel sind sie in ganz Urundi, als herrschende Klasse in Ruanda zu treffen. Auch in Urambo, Unyanyembe und anderen Gegenden Unyamwesi's findet man Watussi-Hirten die aus Urundi stammen und vor mehreren Generationen von dort ausgewandert sind. Nur wenige Hirten haben sich in Usinja und Ussui erhalten. Dort jedoch, wie in Ukerewe, tragen die Häuptlinge deutlichen Watussi-Typus und ist überhaupt eine starke, hamitische Blutmischung in der Bevölkerung unverkennbar. Die reinsten Watussi sind jene von Ruanda und Urundi, wo sie grundsätzlich keine Mischheirathen mit den Ackerbauern eingehen, weshalb diese auch nichts vom Watussi-Typus angenommen haben. Dieser ist so auffallend, dass man einen Mtussi sofort aus einer Menge erkennt, obwohl er in Tracht und Schmuck in keiner Weise von den Ackerbauern abweicht.
Da, wo sie vollkommen rein sind, zeigen die Watussi den hamitischen Typus in weit grösserer Deutlichkeit als die Massai und gleichen völlig den Galla und Abessiniern, mit schmalen Nasen, feinen, regelmässigen Zügen und sprechenden Augen. Sie sind hochgewachsen, zur Magerkeit neigend und besitzen ungemein zierliche, schön geformte Extremitäten. Letztere sind besonders charakteristisch. Selbst in Gegenden, wo die Watussi-Herrscher stark mit Bantublut vermischt sind, erkennt man sie ohne Schwierigkeiten an ihren Händen und Füssen, die bei oft vollkommen negerhaften Gesichtszügen doch deutlich den Watussi-Charakter zeigen. Die Ohren sind wohlgeformt, doch nicht selten grösser als bei den Ackerbauern. Beschneidung ist nicht üblich. Das Haar ist stets kraus, negerhaft, nirgends fand ich das bei Massai so häufige halbglatte »Hamitenhaar«, eine Eigenthümlichkeit, die übrigens auch den Galla vielfach anhaftet, während das Hamitenhaar mehr bei Somali und Abessiniern vorkommt. Uebrigens fand Stuhlmann bei nördlicher lebenden Watussi Hamitenhaare. Wie gross die Aehnlichkeit der Watussi mit den Galla ist, mag man daran erkennen, dass einer meiner Soldaten, ein Arussi-Galla, von den Leuten überall für einen Mtussi gehalten wurde.
Die Hautfarbe der Watussi variirt sehr. In Usukuma, überhaupt in Unyamwesi, sind sie meist dunkel, doch könnte man dies Blutmischungen zuschreiben, während solche in Ruanda und den Urundi-Gebirgen nahezu ausgeschlossen sind. Aber auch dort findet man neben angenehm lichtbraunen, dunkle und schwarzbraune Leute, wie denn überhaupt bei dunkelfarbigen Rassen die Hautfarbe mit dem Wohnsitz und der Lebensweise variirt und nur der Typus konstant bleibt.[20] Ob es, wie behauptet wird, auch »weisse«, d. h. sehr lichtfarbige Watussi giebt, ist mir nicht bekannt, doch halte ich dies nicht für unmöglich. Giebt es doch unter den Abessiniern und Galla, besonders unter Weibern, neben sehr dunkelfarbigen auch solche Individuen, welche kaum einen leichten Farbenton erkennen lassen, wie ich selbst mich in Massaua überzeugt habe.
Während der Watussi-Typus in der Jugend etwas anziehend freundliches hat, wird er im Alter scharf, zigeunerartig. Die Bantu-Bevölkerung nennen die Watussi in Urundi und Ruanda »Wahutu«, ein Ausdruck der »Unterworfene« bedeutet und mit den Wauddu der Waganda-Watussi identisch ist, nach welchen die Landschaft Uddu (Buddu) benannt ist. Ueberall jedoch schliessen sich die Watussi diesen Wahutu in Sprache und Tracht an. Die Watussi in Urundi, Ruanda und Unyamwesi sprechen Kirundi, die in Usukuma und Usinja Kisinja (Kinyoro). Die Annahme Stuhlmanns, dass die Watussi (Wahuma) ihre ursprüngliche hamitische Sprache in Unyoro verlernt und das Kinyoro angenommen haben, um sodann die letztere Sprache den sämmtlichen Völkern des Zwischenseengebietes beizubringen, scheint mir allzuweit hergeholt. Sie wird auch durch die Thatsache widerlegt, dass die Völker des östlichen Nyansagebietes, die nie mit Watussi in Berührung kamen, ebenfalls Kinyoro, oder doch sehr nahe verwandte Dialekte sprechen. Die Annahme scheint mir weit näher zu liegen, dass die Bantu-Sprachgebiete zur Zeit des Einbruches der Watussi bereits annähernd in der heutigen Form vorhanden waren und dass die numerisch schwächeren Hamiten sich die Sprache der jeweiligen Ackerbauer aneigneten, ein Fall, der in der Völkergeschichte mehrmals vorkam. So wird es auch erklärlich, warum die Wahuma in Uganda Kiganda und nicht Kinyoro sprechen, während Stuhlmann zur Erklärung dieses, eine andere Hamiten-Einwanderung annehmen muss.
Der Charakter der Watussi-Hirten ist ein kriegerischer, herrschsüchtiger. An Tapferkeit übertreffen sie die Massai die durch wilden Kriegsschmuck wirken wollen, während die Watussi in gewöhnlicher Tracht und mit schlechten Waffen ungemein kühn angreifen und sich selbst durch Misserfolg nicht abschrecken lassen. Doch treten diese Eigenschaften nur in Urundi und Ruanda zu Tage, in Unyamwesi sind sie friedliche Hirten, die froh sind wenn Wangoni und Massai ihnen ihr Vieh lassen.
Nirgends mehr findet man nomadisirende Watussi, alle haben ständige Wohnsitze und erbauen sich Hütten im Kirundi-Styl, doch schlechter angelegt und unreinlicher gehalten. Die kleinen Dörfer sind mit Bambus- und Stangenzäunen umgeben, deren Zwischenräume mit Dorngestrüpp und Disteln angefüllt werden, die eigens zu diesem Zwecke angepflanzt werden. Die Bananenhaine, welche den Warundi-Dörfern ein so freundliches Aussehen geben, fehlen den Watussi stets, so dass man ein Watussi-Dorf schon von Weitem erkennt.