Neben den Dörfern haben sie kleine, aber gut gehaltene Felder vortrefflicher Erbsen und Bohnen, welche diesen Gegenden eigenthümlich sind. Manchmal bauen sie wohl auch etwas Kürbisse. Die Hauptnahrung liefert jedoch die Viehzucht. Sie halten bedeutende Heerden der grossgehörnten Rinderrasse, die in allen Ländern westlich vom Victoria-See vorkommt, während östlich von diesem nur das typische Zeburind lebt. Diese Rinderrasse (Abb. pag. 85), welche auffallend dem abessinischen Sanga gleicht, hat nur einen leichten Buckelansatz, ist verschieden, aber vorherrschend braun gefärbt, grösser und schlanker als das Zeburind. Das merkwürdigste sind die Hörner, die zu dem kleinen Kopf in gar keinem Verhältniss stehen und den Thieren wirklich eine Last sein müssen. Oft ist ein Horn schwerer als das andere, in welchem Falle das Thier den Kopf nicht gerade halten kann. Die Rinder, die am Plateau von Urundi leben, sind derart den wasserreichen, kühlen Gebirgsländern angepasst, dass sie in trockenen Gegenden sofort eingehen. Sie sind wenig milchreich; ihr Fleisch schmeckt schlechter als das der Zeburinder.
Es scheint mir zweifellos, dass diese höchst charakteristische Rinderrasse von den Watussi aus ihrer Urheimath eingeführt wurde. Wahrscheinlich fanden sie in den Gegenden westlich vom Nyansa gar keine Rinder vor und konnten daher die eingeführte Rasse in voller Reinheit fortzüchten. Diese wurde dann auch von den Ackerbauern übernommen. Es könnte Wunder nehmen, dass die Massai, die doch eine viel jüngere Einwanderung bilden, keinerlei charakteristische Rinderrasse mehr erhalten haben. Doch brachen diese in sehr rinderreiche Gegenden räuberisch ein, eigneten sich grosse Heerden Zeburinder an und es musste daher, selbst wenn sie eine ursprünglich abweichende Rasse besassen, diese bald in der ungeheuren Ueberzahl der Zeburinder aufgehen. Dass dies auch bei den Watussi in überraschend kurzer Zeit möglich, zeigen die Watussi-Heerden in Unyamwesi. Die dortigen Ansiedler, die vor Menschengedenken aus Urundi einwanderten und noch Kirundi sprechen, brachten zweifellos das Watussi-Rind mit sich. Da dasselbe jedoch, durch lange Anpassung an wasserreiche Plateaus, das Tieflandklima schlecht vertrug, nahmen sie immer mehr Zebus auf, die heute die Hauptstärke der Heerden bilden.
Die Watussi widmen ihren Rindern sehr grosse Sorgfalt und bringen sie Nachts oft in den Hütten unter. In Gegenden, wo die Gewässer von Papyrus erfüllt sind, lassen sie die Rinder nicht direkt daraus trinken, sondern schöpfen mühsam Wasser in eigene Lehmgruben.
An charakteristischen Geräthen konnte ich bei den Watussi nur drei auffinden, die allen gemeinsam eigen sind: Einen hölzernen Milchtopf, der an einem Schnurnetz aufgehängt wird, ein Instrument zum Aushöhlen dieses Topfes und einen stumpfen Pfeil zum Aderlassen der Rinder. Letzterer findet sich auch bei den Massai. Sonst sind alle Geräthe den umwohnenden Völkern entlehnt.
Was die ursprüngliche Waffe der Watussi war, erscheint zweifelhaft. In Urundi, Ruanda und Unyamwesi brauchen sie heute fast nur Bogen und Pfeile ohne Köcher, die jenen der Bantustämme entlehnt sind, selten den charakteristischen Warundi-Speer.
Welche Rolle der Schmiedestamm der Warongo in Usinja und Usukuma den Watussi gegenüber spielt, ist ebenfalls fraglich. Körperlich stehen die Warongo vielfach dem Watussitypus nahe und haben wir in diesen geschickten Schmieden — die auch in Ruanda auftauchen — vielleicht Nachkommen einer Schmiedekaste, ähnlich den Elkonono der Massai, zu sehen.
Von besonderen Gebräuchen erfuhr ich nichts, was nicht auch den umwohnenden Bantu eigen wäre. Nur sollen die Watussi in Ruanda die reifgewordenen Mädchen in Hütten einschliessen, bis die Haare lang über den Nacken herabfallen. Auch halbwüchsige Knaben sah ich mit abrasirtem Vorderhaupt und langen Haaren am Hinterkopf. Von eigenen religiösen Anschauungen konnte ich nichts erfahren. Was Speke diesbezüglich anführt, vor Allem das Bewerfen gewisser Lokalitäten mit Steinen, die sich nach und nach zu grossen Haufen aufthürmen, oder mit Gras zum Schutz gegen böse Geister, ist nichts charakteristisches und auch den Bantu eigen. Ob das Vermischen der Milch und Butter mit Kuhurin, das überall westlich vom Nyansa geübt wird, ursprünglich den Watussi entstammt, mag dahin gestellt bleiben.
Milchgefäss aus Holz, Watussi. — Geräth zum Aushöhlen der Milchgefässe, Watussi.
Wie wir die Watussi heute sehen, erscheinen sie als ein physisch hervorragender hamitischer Hirtenadel unter den Bantustämmen, welchen sie sich sprachlich und ethnographisch völlig angeschlossen haben. In manchen Gegenden sind sie von den Bantu nur durch den Typus, der besonders bei Herrscherfamilien rein erhalten ist, zu unterscheiden. In anderen Gegenden, wie in Urundi und Ruanda, leben sie noch als getrennter Stamm, als Viehzüchter unter den ackerbauenden Bantu. Ob es gelingen wird, sprachlich und ethnographisch reinere Watussi, als die von Stuhlmann und mir gesehenen, aufzufinden, scheint fraglich. Denn an den Nilquell-Seen fehlen die weiten Steppen und unbewohnten Plateaus der Massai-Länder, überall lebt hier seit Jahrtausenden eine Bantu-Bevölkerung, welche Eindringlinge wie die Watussi wohl politisch beherrschen, deren ungeheurer Ueberzahl sie jedoch ethnisch weichen müssen.