Die ursprüngliche Kulturpflanze der Wasinja war jedenfalls die Banane, die sich, meist in der süssen Art (Musa paradisiaca) überall bei ihnen findet. In Ukerewe und Theilen von Ussui liefert sie heute noch die Hauptnahrung während in Usinja der Maniok ihre Stelle vertritt, eine Kulturpflanze, welche ihrer leichten Anbauart halber, nicht selten von früheren Viehzüchtern (z. B. auch den Wadigo) gewählt wurde. Im Uebrigen findet man eine auffallend grosse Mannigfaltigkeit der Kulturpflanzen. So baut man in Ukerewe Bananen, Sorghum Mawele (Penicillaria), Mais, Pataten, Hülsenfrüchte, Kürbisse, Maniok, Tabak und Hanf, in Usinja Maniok, Pataten, rothen Sorghum, Mais, Bananen, Arachis und etwas Tabak, in Ussui Bananen, weissen Sorghum, Maniok, Tomaten, Pataten, Bohnen, Sesam, Arachis, kleine Kürbisse, Ricinus und Tabak.
Die Felder sind gut gehalten, das Erträgniss der Ernte wird in Vorrathshütten aufgespeichert oder in länglichen, an Stangen gebundenen Grasgeflechten verwahrt. (Abb. pag. 71.) Zur Bearbeitung dienen Hacken und sichelförmige Feldbeile, die zum Roden des hohen Grases benutzt werden. Der Sorghum wird nicht in Mörsern, sondern in länglichen Holztrögen gestampft, die rothe Varietät fast nie zur Pombebereitung benutzt.
Von besonderer Bedeutung ist in Usinja und Ost-Ussui die Eisenindustrie, die von »Warongo« genannten Schmieden ausgeübt wird, welche möglicherweise die Nachkommen einer Schmiedekaste der Watussi sind. Das Eisen wird aus Raseneisenstein gewonnen und ist guter Qualität. Die Werkstätten sind geräumiger als die Wohnhäuser. Als Brennmaterial dienen Holzkohlen. Der Blasebalg, sowie überhaupt der ganze Schmiedeapparat mit Hämmern und Zangen, gleicht fast vollkommen dem in Nord-Pare[21] üblichen. Das Haupterzeugniss sind Hackenklingen (Abb. pag. 72), die in ganz Unyamwesi und bis Ugogo hin ungemein geschätzt sind. Daneben werden sehr schöne Speere und Pfeilspitzen gefertigt, wie denn alle Arbeiten der Warongo sich durch ausserordentliche Schönheit und Solidität auszeichnen. Pfeile und Bogen sind die Hauptwaffen der Wasinja, erstere werden in Bambusköchern oder länglichen Kalebassen, in Ussui in Lederbeuteln verwahrt und manchmal vergiftet. Vorderlader-Gewehre sind in Usinja und Ussui stark verbreitet. Die Speere haben durchwegs Klingen mit übergreifender Schaftzwinge. Ihre Form nähert sich theils jener von Urundi, theils der von Nkole. Manche Speere haben auch eiserne Schäfte. Schilde sind nicht mehr gebräuchlich, eine veraltete Form derselben fand ich nur in Ukerewe. Dieselbe ist aus dem korkähnlichen Ambatsch-Holz gefertigt und eigenartig ornamentirt. Schwerter sind nicht gebräuchlich. Von Häuptlingen werden öfters zierliche Paradebeile getragen.
Alle Geräthe der Wasinja und besonders der Wakerewe zeichnen sich durch sorgfältige und zierliche Ausführung aus. Trinkkalebassen und vor Allem Körbe sind mit originellen Ornamenten versehen, in welchen die Quadrat- und Dreieckmuster vorherrschen, nicht selten aber auch Spiralmuster auftreten.
Pfeilspitzen, Usinja. — Sichel der Wasinja. — Sichel, Ukerewe. — Trinkkalebasse der Wakerewe. — Korbflasche der Wakerewe.
Gegenstand des Kultus sind die Geister der Ahnen, welche Krankheiten verursachen und die man in Ukerewe durch Trommeln und kleine Opfer, in Ussui durch Zeugbündel, die an Kreuzwege gelegt werden, versöhnt. Auch gewisse Plätze gelten als Sitz von Geistern und pflegt dort jeder Vorbeiziehende einen Stein hinzuwerfen, so dass sich nach und nach ein Steinhaufen aufthürmt. Mit dem Ahnenkultus in Beziehung steht jedenfalls auch eine meterhohe Figur aus Ebenholz, die ich in Ukerewe fand und die mir als Bildniss des verstorbenen Häuptlings gedeutet wurde. Bei derselben hielt sich stets die Lieblingsfrau des Verstorbenen auf. Bei der Seltenheit bildlicher Darstellungen des menschlichen Körpers in Ost-Afrika hat diese Figur besonderes Interesse.
Topf der Watwa (Urundi). — Speere der Wassui. — Holzfigur des verstorbenen Häuptlings, Ukerewe. — Paradebeil der Wasinja. — Schild aus Ambatschholz, Ukerewe. — Köcher der Wassui.
Die Regierungsform der Wasinja ist überall monarchisch. Früher bestand ein grosses Königreich, jetzt ist das Land in kleine Fürstenthümer getheilt, von welchen Ost-Ussui das bedeutendste ist. Dann folgen West-Ussui (Uyogoma), Ukerewe und Rwoma's Land in Usinja. Alle anderen Herrscher in Usinja, sowie Kaka in West-Ukerewe, sind nicht viel mehr als Dorfschulzen. Die Häuptlinge geniessen sehr grosse Macht und verfügen nahezu unumschränkt über Leben und Tod. Sie halten eine Art Leibwache, welche zugleich Polizeidienste versieht und bei Verbrechen die Schuldigen verhaftet. Auf Diebstahl steht Todesstrafe, auch wird das Vermögen des Schuldigen eingezogen und seine Verwandten werden der Sklaverei überliefert. Ausser solchen Sklaven, die jedoch meist ins Ausland verkauft werden, giebt es in Usinja auch fremde, durch Karawanen importirte.