Zuletzt erübrigt noch von jenem Volk zu sprechen, welches den Verkehr mit der Küste vermittelt und welches sich am meisten fremden Einflüssen und fremder Kultur zugänglich erweist: den Wanyamwesi. Alle Reisenden von Burton und Speke an, und darunter vorzügliche Beobachter wie Paul Reichard und Stuhlmann, haben sich bereits eingehend mit diesem Volke beschäftigt, sodass ich mich betreffs desselben kürzer fassen kann.
Unter Wanyamwesi verstehe ich die Bewohner der von den Küstenleuten als Unyamwesi bezeichneten Landschaft, die im Osten an die Massai-Steppen, an Turu und Ugogo, im Norden an den Victoria-Nyansa vom Speke-Golf bis zur Bukumbi-Bai, im Westen an Usinja, Ussirombo und Uha grenzt und sich gegen Süden in noch unbekannter Entfernung erstreckt.
Der Name Unyamwesi ist, wie ich durch viele und sorgfältige Erkundigungen im ganzen Lande, von Usukuma bis Urambo erfuhr, kein nationaler, sondern von den Küstenleuten dem Lande beigelegt. Er bedeutet »Mondland«, U-nya-mwesi d. i. Land des Mondes. Diese, schon den alten Reisenden bekannte Ableitung wurde neuerdings bezweifelt und behauptet, dass in Unyamwesi eine Stammsilbe »nyam« enthalten sei. Dies ist jedoch unrichtig wie man daraus ersehen kann, dass z. B. auch die Bewohner von Turu nicht »Waturu« sondern Wa-nya-turu, die Leute von Ruanda Wa-nya-ruanda genannt werden und dass es zahlreiche ähnlich lautende Landschaften, wie U-nya-nyembe, U-nya-nganyi giebt, woraus deutlich hervorgeht, dass »nya« etwa »von« bedeutet, also Wanyaturu »Leute von Turu«, Wanyamwesi, »Leute von Mwesi« Mondleute.
Dass das im Worte enthaltene mwesi hier wirklich Mond bedeutet, wurde mir von alten Küstenleuten sowohl, wie auch von Eingeborenen stets versichert und kann als zweifellos betrachtet werden. Daraus jedoch einen Schluss ziehen zu wollen, dass Unyamwesi das Mondland der Alten sei, wie dies in neuerer Zeit vielfach geschah, scheint mir verfehlt. Ein solcher Schluss wäre nur gestattet, wenn der Name ein einheimischer wäre, während er wie gesagt den Küstenleuten, also den Swahíli seinen Ursprung verdankt. Wie diese dazu kamen das Land als »Mondland« zu bezeichnen, ist nicht schwer erklärlich. Denn den Arabern und damit auch den intelligenten Swahíli war ja sehr wohl bekannt, dass die alten Geographen ein »Mondland« im Innern Afrika's, an den Quellen des Nil, vermutheten. Als nun Karawanen in jene Länder vordrangen, war es sehr begreiflich, dass sie in dem reichsten und wichtigsten Lande des Innern, in dem Lande, welches im Handel die grösste Rolle spielte, das Mondland U-nya-mwesi zu erkennen glaubten. Oder mit anderen Worten: Nicht weil im Innern Ostafrika's ein Unyamwesi existirt, kann man darauf schliessen, dass dasselbe mit dem Mondland der Alten identisch sei, sondern weil die alten und arabischen Geographen in Innerafrika ein Mondland vermutheten, wurde diese Landschaft von den Küstenleuten »Unyamwesi« genannt.
Die Wanyamwesi selbst gebrauchen diese Bezeichnung unter einander niemals, sondern trennen sich in verschiedene grosse Stämme wie Watakama, Wasukuma[24], Wasumbwa, Wafioma und Wakonongo. Sie sind jedoch sehr deutlich als ein Stamm charakterisirt und sprechen auch dieselbe, nur dialektisch abweichende Sprache. Der Hauptunterschied zwischen den verschiedenen Wanyamwesi-Stämmen liegt in dem mehr oder weniger starken Eindringen der Küstenkultur.
Am ursprünglichsten haben sich die Wasukuma, besonders in den östlichen Distrikten von Ntussu und Meatu erhalten, während die Wasumbwa und Watakama, besonders die Leute von Urambo, in materieller Kultur den Swahíli der Küste kaum nachstehen.
Die Wanyamwesi sind mittelgrosse, kräftiggebaute Leute von meist dunkelbrauner Hautfarbe. Die südlichen Stämme sind schlanker und grösser, die Wasukuma untersetzt und dunkelfarbiger oder scheinen wenigstens so, da ihre Unreinlichkeit die Hautfarbe schwer erkennen lässt. Sie haben ziemlich ausgeprägten Negercharakter und physisch einen recht einheitlichen Typus. Nur die Bewohner des östlichen Usukuma, besonders die von Meatu, scheinen hamitische (Wataturu) Blutmischungen erhalten zu haben.
Alle Wanyamwesi sind unbeschnitten. Als Stammesmarke kann eine von der Nasenwurzel zum Ohre verlaufende Reihe von Narbenverzierungen gelten, auch werden die oberen vorderen Schneidezähne vielfach dreieckig ausgesplittert. Doch sind beide Merkmale nicht mehr allgemein verbreitet. Haarfrisuren kommen nicht vor, doch werden die Haare vielfach rasirt. Die Ohrläppchen werden besonders in Usukuma ausgedehnt und Messingspiralen darin getragen. Die Weiber im Süden des Landes tragen nach Küstenart runde Holzscheiben im Ohr. Die ursprüngliche Kleidung der Wanyamwesi ist Fell, in den westlichen Distrikten auch Rindenzeug. In Usukuma tragen die Männer ein Ziegenfell, das den Oberkörper, niemals jedoch die Schamtheile bedeckt, manchmal gehen sie auch ganz nackt. Die Weiber tragen Lendenschurze aus Leder und verhüllen oft auch den Busen.
Sonst wird fast überall europäisches Baumwollzeug getragen, welches das solide eingeborene Baumwollzeug und das Rindenzeug fast völlig verdrängt. Letzteres dient kaum noch irgendwo als Kleidung, sondern nur mehr zu Schlafmatten. In Urambo, Unyanyembe, sowie anderen Plätzen der Karawanenstrassen sind bedeutende Mengen Baumwollzeug vorhanden und Männer und Weiber unterscheiden sich in der Tracht kaum von der Küstenbevölkerung.
Als Schmuck dienen Glas-, Holz- und Eisenperlen und mit Messing- oder Eisendraht umsponnene Darmsaiten, sowie Eisenarmringe. Die Elephantenjäger und ihre Frauen pflegen Armringe zu tragen die aus der Sohle des Elephanten geschnitten werden. Im östlichen Usukuma findet man sehr grosse milchweisse und blaue Glasperlen, die jetzt durch keine Karawane mehr eingeführt werden und sehr alten Ursprungs sind. Die jüngeren Weiber tragen Holzperlen als Amulett um den Hals; Eisenschmuck ist ein Zeichen verheiratheter Frauen. Als Kopfschmuck der Krieger dienen in Usukuma Büschel von Federn und Stroh (Abb. pag. 61).