Der Karawanenverkehr gab auch Veranlassung zur Auswanderung und Begründung von Kolonien im Auslande. Der Grund dazu lag theils in politischen Unruhen, theils in dem natürlichen Wandertrieb dieses Volkes. Man findet Wanyamwesi-Kolonien nicht nur in Ugogo, Ussandaui, Irangi und neuestens auch in Umbugwe, sondern auch in Manyema und Katanga. Ueberall gelangen sie den Eingeborenen gegenüber zu Einfluss und bilden ein wichtiges Kulturelement.

Ueber das innere Leben der Wanyamwesi theile ich nur der Vollständigkeit halber einige Notizen mit, die ich im Lande sammeln konnte und verweise im Uebrigen auf Reichard und Stuhlmann, die Gelegenheit hatten den Stamm genauer kennen zu lernen.

Die Geburt eines Kindes giebt keinen Anlass zu besonderen Festlichkeiten, höchstens die von Zwillingen wird durch einen Tanz gefeiert. Der Vater giebt dem Kinde einen Namen — meist nach dem Grossvater oder der Grossmutter — den es lebenslang behält. Daneben sind oft viele Spitznamen üblich, die oft bekannter als der wirkliche Name sind. In Usukuma ist der Kindesmord unbekannt. In den von Swahíli vielbesuchten Gegenden, wie Urambo, hat sich der Küstenaberglaube verbreitet, dass ein mit Zähnen geborenes Kind dem Vater den Tod bringe. Es wird aber nur getödtet, wenn der Vater ein Häuptling ist. Als Kinderspielzeug dienen aus Lehm gefertigte kleine Puppen. Der Bräutigam erwirbt die Braut durch Kauf vom Vater; nach einem Tanzfest wird sie ihm übergeben. In Usukuma wird nach der Brautnacht ein Ochse geschlachtet und mit den Verwandten verzehrt. Vielweiberei ist üblich, in Usukuma hat aber nur ein Häuptling mehr als zwei Frauen. Eine unbeliebte Frau wird einfach zurückgeschickt, der Vater muss dann den Preis wieder herausgeben. Bei den Wasumbwa muss der Vater selbst im Todesfall der Frau den Brautpreis ersetzen, oder eine Schwester der Frau stellen.

Puppe aus Lehm, Wasukuma.

Bei Krankheiten werden entweder Pflanzenmedizinen angewandt oder der Zauberdoktor geholt, der dann aus Hühnerdärmen bestimmt, welche Krankheit vorhanden ist und diese durch allerlei Hokuspokus mit einem Holzschüsselchen, mit Amuletten u. s. w., auszutreiben sucht. Ein Besessener geniesst in Urambo ein Schaf mit Zauberarznei, geheilt darf er keinen Kopf, Herz oder Magen und kein am selben Tage geschlachtetes Thier essen. Wie so viele Bantu, so glauben auch die Wanyamwesi nicht an natürlichen Tod. Stirbt Jemand an einer Krankheit, so wird der Zauberdoktor befragt, der dann wieder aus Hühnerdärmen sein Orakel fällt. Dasselbe lautet entweder dahin, dass die Geister der Verstorbenen ihn getödtet hätten, oder Jemand wird als der Bezauberer genannt. Dieser wird in Urambo von den Verwandten getödtet, in Usukuma vor den Häuptling gebracht, sein Vermögen eingezogen und er selbst verbannt. Das Honorar des Zauberdoktors beträgt eine Hackenklinge.

Todte werden bei den Wasumbwa in den Busch geworfen, nur Häuptlinge auf einem Stuhl sitzend begraben. In Usukuma werden alle Verstorbenen mit angezogenen Beinen, auf der Seite liegend, begraben, der Häuptling hockend mit erhobener Rechten, die durch Lehm gestützt wird.

Den Geistern der Verstorbenen, die den Lebenden im Traum erscheinen, werden kleine Hütten erbaut und Opfer an Pombe und Mehl dargebracht. Stätten von Geistern, wie Baobabs, werden mit Gras bestreut. Sonst schützt man sich vor ihrem Treiben durch Amulette, deren es für jeden Zweck, für Jagd, Viehzucht, Krieg u. s. w. verschiedene giebt. Menschliche Holzfiguren sind sehr selten, ich fand eine solche in Usukuma, die bei Geistertänzen dienen soll.

Die Wanyamwesi werden von Mtemis (Häuptlingen) regiert, deren Verwandte Mwanangwa (Prinzen) genannt werden. Auch hier zeigt sich die Erscheinung, dass grössere Königreiche nach und nach in kleine Fürstenthümer zerfallen. Eine Art Oberherrschaft über fast ganz Unyamwesi übte Jahre lang der bekannte Mirambo von Urambo aus. Auch dessen Nachfolger, Mpanda Charo (Beherrscher der Königreiche), spielte noch eine grössere Rolle, während unter dem jetzigen jugendlichen Häuptling Tuga Moto das Reich immer mehr zerbröckelt. Ein Theil der Wafioma erkennen Kassusura von Ost-Ussui als ihren Herrscher an.