Mit der Abnahme des Elfenbeins, mit dem Wachsen der Konkurrenz in Unyamwesi, wurde naturgemäss der Schwerpunkt des arabischen Handels von Tabora nach Westen, nach Ujiji, nach Manyema verlegt. Die Leute, welche jene fernen Gebiete erschlossen, waren fast ausnahmslos keine Maskater, sondern in Ostafrika geborene Araber, vielfach Mischlinge. Die erste Rolle spielte dort die von Tarya Topan abhängige Drei-Männer-Firma Tippo-Tip (Kasongo), Rumaliza (Ujiji) und Bwana Nsige (Stanley Falls).
Zum Unterschied von den Maskatern, die sich ausschliesslich mit Handel — sei es auch Sklavenhandel — abgeben, verüben die Manyema-Araber nur Raub. Der Unterschied ist auf den ersten Blick kenntlich. Denn in den Gebieten des Tabora-Handels im engeren Sinne, in Unyamwesi, Ussui, Karagwe und Uganda findet man grosse Mengen europäischen Baumwollzeuges, Gewehre und andere Produkte die nur der Handel eingeführt haben kann. Am Nordende des Tanganyika dagegen und am oberen Kongo bei den Stanleyfällen, also in Gegenden die von den Arabern seit Jahren ausgebeutet werden, fand ich kaum eine Glasperle, kaum einen Fetzen Zeug, was wohl den besten Beweis liefert, dass es sich hier nur um Raubzüge handelt.
Der Vorgang dabei ist bekannt. In neue Gebiete einfallend rauben die Banden der Araber Weiber und Kinder und lassen nur jene wieder los die mit Elfenbein ausgelöst werden. Die anderen sind der Sklaverei verfallen. Mit kluger Politik weiss man hierauf die Unterworfenen zu gewinnen und als Bundesgenossen gegen den Nachbarstamm zu verwenden. Die Banden wachsen immer mehr an, jeder Ackerbau wird unmöglich, dicht bewohnte Gebiete entvölkern sich und die elenden Ueberreste der Bevölkerung verkaufen sich selbst und ihre Kinder für eine Mahlzeit den Sklavenhändlern.
Dieser Zustand war in Manyema und am westlichen Tanganyika der stehende, auch am Ostufer des Sees wurden Razzias versucht, doch, der kriegerischen Bevölkerung halber, mit geringem Erfolg. Das Elfenbein und die Sklaven aus Manyema wurden über Tabora oder dessen Vorort Kwihara nach der Küste gebracht. So wurde Tabora immer mehr zur Durchgangsstation. Die Waaren von der Küste, das Elfenbein aus dem Innern, wurden dort aufgestapelt und die Sklaven bekamen jene Tünche des Swahílithums, die sie an der Küste unverdächtig machte.
Das Elfenbein, welches heute über Tabora nach Bagamoyo geht, kommt also zum allergeringsten Theil aus dem deutschen Interessengebiet, sondern aus dem Kongostaat, aus Manyema, und aus der englischen Sphäre in Unyoro und den Nachbargebieten. Es kann kein Zweifel darüber sein, dass diese Quellen in nächster Zeit versiegen müssen. Mit eiserner Hand hat der Kongostaat, nachdem er Jahre lang eine abwartende Haltung eingenommen, nun plötzlich die Araberfrage nahezu gelöst. Durch die glänzendsten Siege, die jemals im tropischen Afrika erfochten wurden, ist die Macht der Sklavenjäger am oberen Kongo und bis zum Tanganyika hin gebrochen worden. Bei der erstaunlichen Thatkraft, welche die kommerziellen Kreise des Kongostaates, sowohl Holländer als Belgier, entwickeln, ist es kein Zweifel, dass der kriegerischen sehr bald die kaufmännische Eroberung folgen wird. Sobald nur die Kongobahn das riesige Wassernetz jener glücklicheren Gebiete dem Weltverkehr völlig erschliesst, wird man, durch die Konkurrenz getrieben, bald in Bana Kamba und am oberen Sankuru dieselben Preise für Elfenbein bezahlen wie in Sansibar und Bagamoyo, und kein Mensch wird mehr daran denken, sein Elfenbein auf dem langen Karawanenwege nach der Ostküste zu schleppen.
Noch eine andere Linie ist bestimmt die Tabora-Strasse völlig lahm zu legen: die Nyassa-Route. Sobald diese herrliche Wasserstrasse erst erschlossen und die schmale Strecke zwischen Tanganyika und Nyassa irgendwie zugänglich gemacht ist, wird der Verkehr bis ins Herz Afrika's dringen können. Länder, welche, wie Urundi und Ruanda, heute zu dem Ultima Thule des Tabora-Verkehrs gehören, werden direkt mit dem Handel in Berührung treten.
Wenn wir daher auf den Elfenbeinhandel der nächsten Zukunft einen Schluss ziehen wollen, so ist vor Allem die Thatsache nicht zu leugnen, dass das deutsche Interessengebiet heute schon verschwindend wenig Elfenbein liefert, dessen Menge alljährlich abnehmen wird. Das Elfenbein aus den englischen Gebieten, sowohl jenen im Massailand als jenen nordwestlich vom Nyansa werden die Engländer bald an ihre Hafenplätze abgelenkt haben, jenes aus Manyema fällt der Kongo- und Nyassa-Route zu. Es wird also in sehr naher Zeit nur der Karawanenverkehr der Wanyamwesi übrig bleiben, die in ihrem konservativen Sinne der Ostküste, speziell Bagamoyo, so bald nicht untreu werden. Doch haben ja auch diese keinen Born aus dem sie ewig Elfenbein schöpfen können, und wenn heute schon Tabora den Eindruck des Verfalls in hohem Grade macht, so wird es seine Bedeutung selbst als Durchgangsposten bald gänzlich verlieren.
Gerade aus dem Grunde, weil die jetzigen Produkte, Elfenbein und Sklaven, nicht von Dauer und daher wirthschaftlich bedeutungslos sind, scheint es mir verfehlt, in den gegenwärtigen Karawanenstrassen die Verkehrslinien der Zukunft zu suchen. Diese dürfen sich nicht nach den Produkten richten, die sind, aber nicht mehr lange sein werden, sondern nach jenen, die geschaffen werden sollen.
Von wild vorkommenden Produkten ist im Allgemeinen nicht viel zu erwarten. Von Schätzen des Mineralreiches wurde bisher noch nichts gefunden; die erhofften Salpeterlager im Massailand fehlen und an ihrer Stelle wurde Salz entdeckt. Im ersten Augenblick mochte man darüber enttäuscht sein, doch scheint mir, dass der Besitz reicher, vorzüglicher Kochsalzlager auch nicht zu verachten ist. Am Balangda-See in Mangati, in der Nyarasa-Steppe südlich vom Eyassi-See und in Uvinsa südlich von Uha trifft man Salz von ausgezeichneter Qualität, ja nahezu chemisch reines Kochsalz.[26]
Ungeheuere Gebiete des tropischen Afrika's, fast der ganze Sudan und Kongostaat besitzen kein Kochsalz, welches dort zu den werthvollsten Artikeln gehört und nur mangelhaft durch Bananenasche ersetzt wird. Uganda und Unyoro führten blutige Kriege um den Besitz einiger Salzlachen und zu den ersten Handlungen der Engländer in diesen Gebieten gehört die Beschlagnahme dieser Lachen, die ihnen nicht nur die kommerzielle, sondern theilweise sogar die politische Herrschaft dieser Länder sichern.