Aus den mitgetheilten charakteristischen osteologischen Verhältnissen ist mit Bestimmtheit zu ersehen, dass das Watussi-Rind dem abessinischen Sanga-Rinde nahe verwandt ist. Sehr auffallend ist hierbei die Thatsache, dass in inniger Mischung am Schädel solche Formen auftreten, welche für unsere europäischen grosshörnigen zur Primigenius-Gruppe gehörigen Rinderrassen charakteristisch sind neben anderen, welche wieder nur bei typischen Brachyceros-Rassen vorkommen. Während z. B. der Schädeltheil des Kopfskelettes fast vollkommen die Merkmale echter Primigenius-Rassen besitzt, finden wir am Gesichtstheile derselben und ferner an den Zähnen diejenigen der Brachyceros-Gruppe auftreten.

Nach den Erfahrungen Baumann's, Stanley's und anderer ist der wirthschaftliche Nutzen dieser Rinderrasse kein besonders grosser.

Das Fleisch des Watussi-Rindes schmeckt nach Baumann schlechter als das des ostafrikanischen Zebus und soll ein eigenthümliches, offenbar durch grobfaserigen Bau und Armuth an intermuskulärem Bindegewebe bedingtes, als »schlüpfrig« bezeichnetes Gefühl beim Kauen hervorrufen.

Hinsichtlich der Milchleistung lauten die Erfahrungen ebenfalls sehr ungünstig. Nach Baumann's Beobachtungen beträgt der durchschnittliche tägliche Milchertrag einer Kuh höchstens einen Liter; desgleichen erwähnt auch Stanley, dass die Thiere namentlich in Anbetracht ihrer Grösse und der guten Weideverhältnisse nur recht wenig Milch liefern. Die Milch des Watussi-Rindes gilt jedoch für wohlschmeckender als jene der ebenfalls nicht viel besser melkenden ostafrikanischen Zebus.

Wie bei den meisten im halbwilden Zustande lebenden Rindern hält es auch bei dieser Rasse schwer, die Kühe zu melken, da dieselben unter gewöhnlichen Umständen die Milch zurückzuhalten pflegen. Nach Stanley pflegten Kavalli's Leute die Kühe in der Weise zu melken, dass sie den Thieren vorher die Hinterbeine zusammenbanden und das Kalb nach dem Kopfe der Mutter brachten.

Was die wirthschaftliche Leistung anbelangt, so hat es den Anschein, als ob fast alle mittelafrikanischen Rinderrassen mehr oder weniger ungünstig in dieser Beziehung sich verhielten. So erwähnt auch Schweinfurth[37] gelegentlich der Beschreibung des lang- und schlankhörnigen Buckelrindes der Dinkastämme, welches höchst wahrscheinlich ebenfalls in näheren Beziehungen zum Sangarinde stehen dürfte, die geradezu »miserablen« Milcherträge dieser Rasse, von denen die besten Kühe weniger Milch liefern, als bei uns mittelmässige Ziegen und ferner, dass zur Herstellung eines Pfundes Butter ganz erstaunliche Quantitäten von Milch nothwendig sind. Als ebenso interessant wie auch beachtungswerth erscheint hierbei die von Schweinfurth gemachte Bemerkung, wonach die trotz aller angewandten Sorgfalt und Pflege seitens der Dinka nicht zu verkennende Degeneration dieser Rasse theils eine Folge mangelnder Kreuzung, theils aber auch dessen sei, dass den Rindern niemals Kochsalz gereicht wird. Die von ihm selbst gemachte Erfahrung, nach welcher durch Kochsalzgaben den Thieren förmlich neues Leben und frische Kräfte eingeflösst und er hierdurch Kühe milchend und in gutem Ernährungszustande erhielt, sprechen wohl zu Gunsten der letzten Ansicht.

Als ein weiterer, für den Züchter höchst beachtenswerther Umstand muss endlich die relativ geringe Widerstandsfähigkeit des Watussi-Rindes gegenüber Schädlichkeiten klimatischer, wie auch anderer Natur hervorgehoben werden. Nimmt man das Watussi-Rind von seinen üppigen Hochweiden, so beginnt es zu kümmern und geht bald zu Grunde. In dieser Beziehung ist z. B. nach den Erfahrungen Baumann's, der Heerden sowohl des Watussi-Rindes, als auch des gewöhnlichen, kurzhörnigen ostafrikanischen Zeburindes auf seinen Reisen mit sich führte, letzteres ganz unvergleichlich widerstandsfähiger.

Dieser Umstand macht es erklärlich, dass überall dort, wo die Watussi-Stämme in engere Berührung mit Stämmen treten, welche das kleinere ostafrikanische Zebu züchten, dieselben theils freiwillig, theils unfreiwillig — wegen der die eigne Rasse in heftigerem Maasse heimsuchenden Seuchen — zu ersterem übergehen. Unterstützt wird dieser Prozess des Verschwindens der Watussi-Rasse noch dadurch, dass bei Kreuzungen diese sonst so charakteristische Rasse nur schwache Durchschlagskraft besitzen soll.

So erklärt sich denn ziemlich einfach die Thatsache, warum die nördlich vom Victoria-Nyansa und bis zum Ostufer des Albert-Nyansa wohnenden Watussi-Stämme nicht mehr die echte alte Rasse besitzen, sondern ein Kreuzungsrind, innerhalb dessen nur ab und zu grosshörnige Individuen als Produkte atavistischer Vorgänge auftreten.

Wissen wir doch nach Baumann bestimmt, dass z. B. die vor wenigen Decennien erst in die Umgebung von Tabora gezogenen Watussi bei ihrer Ankunft ihre typische Rasse mit sich führten, während sie heute bereits aus den eben angeführten Gründen fast ausschliesslich im Besitze der gewöhnlichen ostafrikanischen Zebu sich befinden.