Was die Verbreitung des Watussi-Rindes anbelangt, so findet sich dasselbe überall in den sogenannten Wahuma-Staaten. Es reicht im Süden bis Ujiji und wird auf den Hochplateaus von Urundi, Ruanda, Ussui, Karagwe und Mpororo gehalten. Stuhlmann fand es am Süd- und Westufer des Albert-Edward-Sees; auch am Westufer des Albert-Sees ist es verbreitet. Von Uganda aus macht sich das Vordringen der grossbuckeligen ostafrikanischen Zebu-Rasse bemerkbar, welche in den Ländern des Zwischenseengebietes, also vor allem in Unyoro, immer mehr an Boden gewinnt und zur Entstehung verschiedener Kreuzungsprodukte mit dem Watussi-Rinde Veranlassung giebt. Unter diesen treten, wie schon erwähnt, grosshörnige Exemplare als Produkte atavistischer Vorgänge nur vereinzelt auf. Das allmähliche Verschwinden dieser weniger widerstandsfähigen Rasse ist daher nicht unwahrscheinlich.
Nach Aussage aller Reisenden ist das Watussi-Rind, das dem abessinischen Sanga so nahesteht, für die hamitischen Wahuma-Stämme charakteristisch, deren Abkunft ebenfalls aus den Gallaländern hergeleitet wird. Die Herkunft der Hamiten überhaupt ist jedoch aus sprachlichen und anthropologischen Gründen unbedingt aus Asien herzuleiten.
Wenn wir nun auch bezüglich dieser Frage unsere Zuflucht zur vergleichenden Beobachtung des afrikanischen und speciell des Sanga-Watussi-Rindes und der indischen Zeburassen nehmen, so ergiebt sich die Thatsache, dass eines der edelsten indischen Zeburinder, nämlich die sogenannte Götterrasse, einen Schädelbau besitzt, der in aller und jeder Beziehung mit dem des Watussi-Sanga-Rindes übereinstimmt. Die Hörner sind ebenfalls mächtig, wennschon sie nicht ganz jene ungewöhnlichen Dimensionen erreichen, wie bei so vielen Individuen der letztgenannten afrikanischen Rasse. So z. B. messen die Hörner einer solchen Götterkuh, deren Schädel mir durch die Freundlichkeit des Herrn Professor C. Keller zur Verfügung stand, immerhin 50 cm in der Länge und 24 cm im Umfange an der Basis. — Die Art des charakteristischen Schädelbaues im Allgemeinen und im Speciellen und selbst der Hörner zeigten in jeder Beziehung die allergrösste, an Uebereinstimmung grenzende Aehnlichkeit mit dem des Watussi-Rindes, so dass trotz des als einzigen Unterschied zwischen beiden Rassen hervorzuhebenden etwas komplizirteren Zahnbaues beim indischen Zebu, die relativ nahe Verwandtschaft dieser Rinder unverkennbar ist.
Hieraus kann zwar nicht gefolgert werden, dass die Sanga-Rasse von jener erwähnten Varietät des indischen Zebus abstamme, sondern es ergiebt sich nur die Wahrscheinlichkeit, dass beide aus einer und derselben, früher verbreitet gewesenen Spielart ihren Ursprung nahmen und sich dann eventuell in Folge ähnlicher Daseinsbedingungen und sonstiger Umstände, trotz der sonst den Zebus im Allgemeinen zukommenden hochentwickelten Veränderungsfähigkeit, in ähnlicher Weise weiter entwickelten.
Wir wissen, dass das Wildrind, von welchem sämmtliche asiatischen Zeburassen abstammen, der Banteng, Bos soudaicus ist. Da in afrikanischer Erde bis zum heutigen Tage überhaupt keine fossilen Reste von Buckelrindern gefunden wurden (denn die in Algier aufgefundenen fossilen Rinderreste gehören dem Ur, Bos primigenius an, der mit der Gruppe der Höckerrinder in gar keinem Zusammenhange steht), so müssen wir uns zu der Annahme bequemen, dass die eben geschilderte Watussi-Rasse, sowie die afrikanischen Buckelochsen im Allgemeinen, ebenfalls vom asiatischen Banteng abstammen und von Asien aus erst nach Afrika gelangten.
Auch bezüglich dieser Frage sehen wir also völlige Uebereinstimmung herrschen zwischen den Folgerungen anthropologischer Forschung und den Resultaten der vergleichenden Hausthierkunde; beide weisen mit Bestimmtheit auf Asien hin als der ursprünglichen Heimath sowohl der hamitischen Hirtenvölker Centralafrika's, als auch der von ihnen gezüchteten Rinderrasse.
[[←]] VI. Untersuchung von acht Schädeln.
Von Prof. Dr. Zuckerkandl.
Mit 2 Tafeln (Tafel XXVI und XXVII).
Von den acht Schädeln sind fünf, No. 1-5 der Tabelle recent, No. 6 und 7 sind es nicht. Von den zwei Irakucranien konnte für anthropologische Zwecke nur der des Kindes verwerthet werden, da jener des Mannes in Folge von frühzeitiger Synostose der Pfeilnaht seine ursprüngliche Form eingebüsst hat.