Durch Usinja. — Ussui. — Kassussura's Residenz. — Uyogoma. — An der Nil-Fähre. — Urundi. — Freudenfeste der Warundi. — Der Akanyaru. — Ruanda. — Raserei der Warundi. — Gefecht mit Watussi. — An der Nilquelle. — Uebersteigung der Missosi ya Mwesi (Mondberge). — Am Tanganyika.
An den Gestaden der Bukumbi-Bai stand die Expedition abermals an einem Wendepunkt. Der Marsch durch's Massai-Land und die Erforschung der östlichen Nyansa-Gebiete war vollendet, nun hätte programmmässig die Reise nach den südlichen Massai-Gebieten folgen sollen. Ich brachte es jedoch nicht über mich, meine Schritte ostwärts, nach der Küste zu lenken. Denn im Westen, an der Grenze des deutschen Schutzgebietes, lockten mich gänzlich unbekannte Striche, welche die letzten Räthsel des alten Nilproblems bargen. Allerdings hatte Stanley vor fast zwanzig Jahren vergeblich versucht in jene Gebiete einzudringen und das mächtige Prestige, welches dieser Reisende mit Recht geniesst, hatte seither andere abgehalten, ihre Schritte dahin zu lenken. Aber ich besass eine vorzüglich eingeschulte, leistungsfähige Mannschaft; das Material der Expedition war noch in gutem Stande, ich selbst fühlte mich gesund und kräftig: wenn es irgend Vorbedingungen gab die ein Gelingen erhoffen liessen, so waren es diese.
In den Instruktionen freilich, die meine Auftraggeber mir fürsorglich mitgegeben, war das Gebiet meiner Forschungen so ziemlich umgrenzt und von jenen entfernten Ländern stand keine Zeile darin zu lesen. Aber solche Instruktionen sind ja nur dazu da, um nicht befolgt zu werden: entweder sie verlangen zu viel oder zu wenig von dem Reisenden, im letzteren Fall werden sie überschritten — »und wenn es glückt, so ist es auch verziehn.«
So begann ich denn meine Vorbereitungen für den Marsch nach dem Westen. Ich liess alle Lasten, die nicht unbedingt nöthig waren, bei Seite packen, wählte eine Anzahl schwacher Leute aus und sandte diese, sowie einige angeworbene Wasukuma, unter Befehl des Askari Mzee bin Jumah, eines älteren, vorsichtigen Mannes, voraus nach Tabora mit der Instruktion, mich dort zu erwarten. Ferner entliess ich sämmtliche Sudanesen bis auf einen (Faraj Abdallah) und gab sie an die Station Mwansa ab, da sie für meine Zwecke gänzlich unbrauchbar waren. Alle Leute, mit Ausnahme der Sudanesen, schieden nur sehr ungern von der Expedition und mussten förmlich gezwungen werden, mit Mzee zu marschiren, obwohl sie ganz gut wussten, welch' abenteuerliche Reise wir vorhatten.
Der Aufenthalt in Mwansa war nicht übermässig angenehm. An die Stelle des liebenswürdigen Kompagnieführers Langheld war ein Feldwebel getreten, der als Gärtner wohl vorzügliche Eigenschaften besass, im Uebrigen jedoch mit seinem Vorgänger nicht rivalisiren konnte. Dazu kam, dass mir ein Unfall passirte, der leicht ernste Folgen haben konnte. Ein Träger kam nämlich eines Morgens zu mir und erklärte, sein Gewehr wolle nicht losgehen. Als ich selbst versuchte, ging das Gewehr allerdings los, aber nach rückwärts und scharfer Pulverdampf drang mir in die Augen. Eine heftige Entzündung war die Folge, die mich zwang, acht Tage mit verbundenen Augen im Zimmer zu sitzen. Ich siedelte während dieser Zeit nach Nyegesi über. Es war dies eine französische Missions-Station, die für einige Zeit an die Seen-Expedition des Antisklaverei-Komite vermiethet worden war und wo mein armer Landsmann Baron Fischer vor Kurzem seinen Tod gefunden. Seine gründlichen topographischen Kenntnisse — er war ein Zögling des Wiener militärisch-geographischen Instituts — sowie sein wissenschaftlicher Eifer liessen glänzende Leistungen von ihm erwarten, als er leider durch ein tückisches Fieber dahingerafft wurde. Zur Zeit meiner Anwesenheit befand sich in Nyegesi nur der Steuermann Blatt, welcher in der zur Werkstatt umgewandelten Kapelle eifrig an einem Boote hämmerte.
Während ich in Nyegesi krank lag, hatte Mzimba das Uebersetzen der Karawane über die Bucht mit grossem Geschick besorgt. Es war das keineswegs eine leichte Aufgabe, da uns nur wenige und sehr elende Kanus zu Gebote standen und besonders die Rinder grosse Schwierigkeiten machten. Dieselben in das schmale Fahrzeug zu verladen, erwies sich als unmöglich und so mussten sie schwimmend über den breiten Seearm gelangen, was auch ganz gut ging. Am 2. August bezog Mzimba in Ngoma, einem kleinen Dorf des Wasinja-Häuptlings Rotakwa, das Lager. Ich selbst konnte erst am 7. August Nyegesi verlassen. Ich begab mich zu jener felsigen Landzunge, von der aus die Ueberfahrt stattfindet und setzte in etwa einer Stunde an's andere Ufer, wo ich von meinen Leuten mit Freudengeschrei begrüsst wurde.
Eine Musterung ergab, dass alles in schönster Ordnung war: alle kränklichen und schwächlichen Leute waren mit Mzee nach Tabora gegangen, die Lasten waren bedeutend vermindert und leicht verpackt worden, für die 30 Rinder, die wir mithatten, waren reichlich Treiber vorhanden und der Unternehmungsgeist, der aus den Blicken der gesunden, nun völlig ausgeruhten Leute sprach, war mir eine Gewähr des Erfolges.
In meinem Haushalt war eine kleine Aenderung vorgegangen indem der Koch, den ich von der Küste mitgebracht, nun nicht mehr da war. Ich hatte ihn an einen Agenten der britisch-ostafrikanischen Gesellschaft, den ich in Mwansa traf, abgetreten, da die Küchenjungen und besonders die Küchenmädchen, von welchen es jetzt wimmelte, ihm seine Kunst bereits abgelernt hatten. Ueber ihnen stand, als unumschränkte Herrscherin, die »Mami safari«, Kibibi, die alle Strapazen und Entbehrungen mit gleich unverwüstlicher Gesundheit und trefflichem Humor ertrug.
Auch einer meiner Dienerjungen musste krankheitshalber in Mwansa bleiben, doch fand ich vollen Ersatz an Hamadi (Pflaume), einem etwa vierzehnjährigen Jungen, der durch den Tod seines Herrn, eines Unteroffiziers, dienstfrei in Mwansa weilte. Trotz seiner Jugend hatte er schon viel mitgemacht und war bei der verhängnissvollen Wahehe-Expedition Zelewsky's mit dabei gewesen. Es war der richtige Buschboy, ein anstelliger, aufgeweckter Junge und ein Kerl, der selbst im dichtesten Kugel- und Pfeilregen nicht von seinem Herrn wich.