Am Tage meiner Ankunft in Ngoma gebar ein Makuaweib einen Sprössling, der blassroth gefärbt war und sich — wie alle neugeborenen Neger — nur durch den Typus von europäischen Säuglingen unterschied. Erst nach Tagen bricht das dunkle Pigment durch und der kleine Mensch erscheint in schwarzer Farbe. Dieser Junge, der mir zu Ehren den Namen Kivunja erhielt, war der erste einer langen Reihe von Nachfolgern, die alle unterwegs das Licht der Welt erblickten. Unter dem Grasdach der Lagerhütte, ja oft in einem Gebüsch am Wege wurde das Weib von Wehen überkommen und am nächsten Tage schon konnte sie, mit dem Neugeborenen auf dem Rücken, weiter marschiren.

Am 9. August verliessen wir das buchtenreiche Ufer des Nyansa und zogen durch leicht gewelltes, von lichtem Steppen-Wald bedecktes Land. Die grosse Trockenzeit nahte ihrem Ende und einzelne Schauer deuteten das Herannahen der kleinen Regen, der mwua za mwaka, an. Gelb und dürr hingen die Blätter an den Bäumen, wodurch die Landschaft ein herbstliches Gepräge erhielt, das durch die traurigen, verbrannten Grashalden, den trüben Himmel und besonders durch den scharfen Nordwind gesteigert wurde, der vom Nyansa herüberstrich. Doch schon machte sich die Wirkung der jüngsten Regen bemerkbar, aus den schwarzen Brandflächen spross das zartgrüne, junge Gras hervor und neben dürrem Laub schlugen an den Bäumen grüne Knospen aus — ein Bild der ewig jungen Tropenwelt. In dem gänzlich unbewohnten Gebiet sah man Spuren früherer Siedelungen; die Ackerfurchen sind noch erkennbar und nicht selten trifft man tief ausgeriebene Mahlsteine. Die Wangoni haben diese früher reichen Gebiete entvölkert.

Dorf der Wasinja.

Am 12. August gelangten wir wieder zu Dörfern, die dem Wasinja-Distrikt Ugulula angehören. Ausgedehnte Maniokfelder, in welchen gleichzeitig auch süsse Kartoffeln gebaut werden, bedecken hier das Land, in den Wasserrissen und Mulden gedeihen prächtige, tiefschattige Wäldchen, überragt von schlanken Phönix-Palmen. Ueberall sieht man kleine Dörfer mit leichten lebenden Hecken, an welchen sich Bohnengerank hinaufschlingt, und in denen die netten Grashütten unregelmässig verstreut sind. Neben ihnen stehen Vorrathshütten aus eigenthümlichem, cigarrenförmigem Grasgeflecht, welche Getreide enthalten. Die Eingeborenen sind Wasinja, geschickte Schmiede, welche ihr Handwerk in offenen Grashütten ausüben und schöne Speere, Pfeile und Hacken anfertigen, eine Kunst, der sie das viele Baumwollzeug verdanken, das sie von anderen Stämmen eintauschen. Ihr Häuptling Mtikiza besuchte uns und bat, wir möchten einen seiner Feinde bekämpfen, was uns natürlich gar nicht einfiel.

Ausser diesem menschlichen hatten Mtikiza und seine Leute noch einen thierischen Feind, der nicht so leicht zu besiegen war. Es war das ein alter Bekannter von der Westküste Afrika's, den ich hier zum ersten Male traf, ohne sagen zu können, dass mich dieses Wiedersehen besonders erfreute. Ich meine den Sandfloh, Pulex penetrans, jenes widerliche Insekt, welches sich in die Zehen und in andere Körpertheile des Menschen einbohrt. Als ich 1885 den Kongo bereiste, war der Sandfloh, der bekanntlich aus Brasilien stammt und von Schiffen mit Sandballast nach West-Afrika gebracht wurde, erst am Stanley-Pool. Durch die Kongo-Dampfer gelangte er rasch nach Stanley-Falls und verbreitete sich über Manyema, von wo er allmählich bis Ujiji und Tabora kam. An das Westufer des Nyansa soll er direkt durch die Stanley'sche Expedition eingeschleppt worden sein. Es wird sicher nicht mehr lange dauern, bis er die Ostküste Afrika's erreicht, ja vielleicht erleben wir, dass er von dort über Indien seinen Triumphzug um die Welt fortsetzt.

Hackenklinge, Usinja.

Wer seine Füsse rein hält und täglich untersuchen lässt, um die etwa eingedrungenen Thiere zu entfernen, der hat diese Plage nicht besonders zu fürchten. Wird jedoch ein Sandfloh — der einmal eingedrungen, nicht mehr schmerzt — vernachlässigt, so schwillt er zu Erbsengrösse an und erzeugt schliesslich Geschwüre, die, wenn massenhaft auftretend, Blutvergiftung und den Tod veranlassen können. Besonders in Gegenden, wo das Thier neu auftritt, wo also dessen Behandlung nicht bekannt ist, richtet es geradezu Verheerungen an. Wir sahen in Usinja Leute, welchen die Glieder einzeln abfaulten, ja ganze Dörfer waren in Folge dieser Plage ausgestorben. Ich suchte derselben dadurch zu begegnen, dass ich bei meiner Mannschaft eine strenge Strafe für Jeden ansetzte, der sich wegen Sandfloh fussmarode meldete. Dadurch erreichte ich, dass die Leute ihre Füsse sorgfältig visitierten, und litt fast gar nicht unter diesem Uebel.

In den nächsten Tagen zogen wir durch flaches Land längs des Emin Pascha-Golfes, der in zahlreiche papyrusreiche Buchten endet. Die Landzungen zwischen diesen sind meist mit Busch bedeckt. Am Ende der Buchten wechselt Sumpfgebiet mit offenem, theilweise bebautem Land, in welchem grosse Schmiedehütten verstreut lagen. Die eigentlichen Dörfer waren fast ganz im Papyrus des Ufers verborgen und gegen aussen durch hohes Gras fast unsichtbar. Als wir im Dorfe Irangala lagerten, fing eine der Grashütten, die in nächster Nähe meines und des pulvergefüllten Lastenzeltes lagen, Feuer, welches ohne das energische Eingreifen der Askari und Makua leicht schweres Unheil hätte anrichten können. So wurde jedoch alles Feuergefährliche rasch beiseite geschafft und schliesslich verbrannte nichts als eine — Kaffeemühle.