Am 19. August erreichten wir die äusserste Südwestecke des Nyansa, wo die Hütten und ärmlichen Felder von Amranda liegen. Hier kreuzten wir die Route Stanley's und Emin Pascha's und lagerten etwas nördlicher in Busirayombo, dem Hauptdorf von Bukome, das an Papyrusufer in öder, staubiger, buschbewachsener Gegend liegt. Es hat etwa dreissig Hütten und ist die Residenz eines blutjungen, etwas beschränkt aussehenden Häuptlings mit Wahumatypus, der einen Schutzbrief von Dr. Stuhlmann besass und in dessen Reisewerk abgebildet ist. Er brachte mir Bananen und Pombe und erhielt ein Gegengeschenk, das von ihm und seinem Gefolge buchstäblich mit stürmischem Applaus aufgenommen wurde. Hier, wie in ganz Usinja und den westlichen Gebieten, ist es nämlich Sitte, Höhergestellte durch Niederknien und Händeklatschen zu begrüssen, welches in Bukome besonders kräftig gehandhabt wurde. (Siehe Abb. pg. 63.)

Etwas nördlich lag eine kleine Handelsniederlassung Mr. Stokes', des irischen Händlers, dessen Angestellter, ein netter Mnyamwesi, mir seinen Besuch machte. Bei dieser Station ist der Nyansa nicht mehr von Papyrus eingeengt. Bei Busirayombo besitzt er gelblich schmutziges und übelriechendes Sumpfwasser, in dem Wasserwanzen umherschwimmen und das Abends ganze Wolken Mosquitos ausspeit, die eine keineswegs angenehme Zugabe zu den tausenden von Sandflöhen bilden.

Am 21. August verliessen wir ohne Bedauern Bukome und zogen westwärts, durch einen unbewohnten Streifen, der Landschaft Ussui zu. Ziegelrother Lateritboden bedeckte die hügelige, mit jungem, lichtem Buschwald, Akazien und einzelnen Baumeuphorbien bestandene Landschaft. Wir passirten einen Hügel, von dem die Eingeborenen Raseneisensteine als Erz gewinnen, und erreichten Mittags das erste Dörfchen von Ussui. Dasselbe zeigte sich uns als ein reich bebautes, ziemlich stark gewelltes Land, das hauptsächlich von Sorghum- und Patatenfeldern bedeckt ist, in welchen die kleinen, von Bananenhainen umgebenen Dörfer liegen. In der Umgebung reifen auch schöner Tabak und Tomaten. Die Eingeborenen, die fast alle in Zeug gekleidet waren, besitzen viele Schmieden und begegneten uns scheu, weil sie noch nicht wussten, wie ihr König Kassussura sich zu meinem Besuche stellen würde.

Am 23. August überstiegen wir zwei hohe felsige Kämme, zwischen welchen leicht gewelltes, bewohntes und bebautes Land lag. Von der letzten Höhe stiegen wir in ein weites Thal ab, dessen untere Hänge mit Bananenhainen und Feldern bedeckt waren. Jenseits lag der grosse Hüttenkomplex Kassussura's, des Häuptlings von Ost-Ussui, eines der mächtigsten eingeborenen Potentaten in Deutsch-Afrika.

Von Bananen umschlossen lagen in der Nähe die ärmlichen Hütten einer Niederlassung Mr. Stokes', deren einzigen Reiz ein hoher Schattenbaum bot. Eine andere, aus Swahíli-Hütten bestehende Handelsstation hatte der Inder Kipilipili gegründet, der augenblicklich nicht anwesend und durch den Araber Pangalala vertreten war. Auch Stokes hatte einen intelligenten Araber Namens Raschid in Ussui stationirt, der uns freundlich begrüsste. Er war im Innern Afrika's gross geworden, hatte Burton und Speke gekannt und wies uns die Stelle des Dorfes Uthungu, wo der grosse Forscher vor 30 Jahren durchgekommen. Auch die Eingeborenen erinnerten sich deutlich an Speke und erzählten, er habe dem Vorgänger des jetzigen Häuptlings durch Schiessen sehr imponirt.

Von Kassussura erfuhr ich nicht viel Gutes, er sollte persönlich zwar recht freundlich, doch sehr habsüchtig sein und keine Karawane ohne Wegzoll (Hongo) passiren lassen. Einen deutschen Reisenden hatte er noch nicht bei sich gesehen und die Araber versicherten, dass es ohne Hongozahlen nicht abgehen werde. Wirklich erschien auch nach einiger Zeit ein Würdenträger mit einer Anzahl Leute als Abgesandter Kassussura's, der ein ziemlich unverschämtes Benehmen zur Schau trug. In solchen Fällen schadet es nie, die Unverschämtheit durch noch grössere zu übertrumpfen; bevor daher der Abgesandte eine Hongoforderung stellen konnte, fragte ich ihn, warum er mit leeren Händen zu mir komme, ob denn Kassussura nicht wisse, dass er an mich Hongo zu bezahlen hätte? Der Würdenträger war erst ganz starr darüber, dass er, der gekommen war, um Hongo zu fordern, nun selbst Hongo zahlen sollte; aber ein Rundblick durch das Lager mit den Askari und Ruga-Ruga machte ihn doch nachdenklich, und in dieser Stimmung kehrte er zu seinem Herrn zurück.

Wassui.

Die Araber begannen nun eifrig verrostete Schiessprügel und Schwerter zu putzen und meinten, es müsse unbedingt zu blutigen Kämpfen kommen, denn so etwas lasse sich der grosse Kassussura in seinem eigenen Lande nicht bieten. Aber nichts dergleichen geschah: am Abend erschien eine ganze Schaar von Wassui, die ungeheure Massen Lebensmittel anschleppten, das Hongo Kassussura's. Zugleich kam auch der Würdenträger, nun ganz kleinlaut, und erklärte, dass der König zwar mein Freund sei, aber doch den heissen Wunsch hege, mich nicht zu sehen. Ich glaubte auf das Vergnügen seiner Bekanntschaft verzichten zu können und sandte ihm ein schönes Geschenk, welches ihn sehr befriedigte und zu neuer Spende veranlasste.

Den 24. August verbrachte ich in der Stokes'schen Niederlassung, wo sich auch ein ganz weisser Egypter befand, der kränklich und von Sandflöhen gequält war. Es war einer der Leute Emin Pascha's, Namens Hassan, der mit Stanley aus Equatoria abgegangen, jedoch in Karagwe liegen geblieben war. Von da ab wurde er von verschiedenen Arabern ernährt und beherbergt, war jedoch halb verrückt, was sich hauptsächlich darin äusserte, dass er von Jedermann, z. B. auch von mir, seinen rückständigen egyptischen Sold verlangte. Ich hätte den Armen gern mitgenommen, doch konnte er kaum gehen.