Am selben Tage liess ich pro forma die Einwilligung Kassussura's zum Marsch durch sein Land einholen, die er bereitwilligst ertheilte und uns vier Mann als Wegweiser und Geleit mitgab. Gleichzeitig schickte er eine Heerde Ziegen und an 100 Lasten Bananenmehl und süsse Kartoffeln und bat um eine deutsche Flagge und um Stellung unter deutschen Schutz, ein Ansuchen womit ich ihn an die Station Bukoba verwies.
Am 25. August zogen wir an dem bananenreichen, aber anscheinend nicht sehr stark bewohnten Residenzdorf Nyaruvungu vorbei, überstiegen ein Joch und gelangten in ein Grasland mit offenen Büschen, das von Sorghumfeldern, Bananenhainen und freundlichen Hütten unterbrochen war. Stellenweise erhebt sich ein hoher Laubbaum, von früherer stärkerer Waldbedeckung zeugend. Höher ansteigend gelangt man in das Plateauland am Msenyi, das von tief einschneidenden Thälern durchzogen ist, deren Gewässer dem Urigi-See zuströmen. Die Höhen bedecken wellige, ausgedehnte Weidegebiete, die mit ihrem üppigen Graswuchs und der kühlen Luft, die auf ihnen herrscht, an Mutyek erinnern. Nur fehlten dort die kleinen Bananenhaine und Felder der weit zerstreuten Siedelungen, an welchen sich die Eingeborenen, schlanke Leute mit sanften, angenehmen Gesichtszügen zeigten, die uns knieenden Gruss darbrachten.
Schon früh hielten Kassussura's Wegweiser bei einem freundlichen Dörfchen und meinten, dass dieser Ort uns zum Lager bestimmt sei. Da wir noch weiter marschiren wollten, baten sie uns dringend zu bleiben, da Kassussura's Programm, das er schon durch Boten überall hin verkündet hatte, sonst gänzlich zerstört würde, was ihnen eventuell den Kopf kosten könnte. Thatsächlich sah man schon von allen Hängen mit Lebensmittel und Pombe beladene Eingeborene herabsteigen, denn in diesen Ländern ist der Reisende überall Gast des Königs und zwar eines Königs dem alles im Lande gehört und demgegenüber niemand Privat-Eigenthum besitzt. Eine Art Polizei erschien, die mit langen Knüppeln Ordnung hielt und tüchtig auf die Eingeborenen einhieb, falls sie in das Lager eindringen oder uns sonst irgendwie belästigen wollten. Denn wir hatten natürlich der Bitte der Wegweiser nachgegeben und gelagert, worauf diese ihre Köpfe wieder etwas sicherer zwischen den Schultern sitzen fühlten. Doch sollte einer von ihnen noch einmal an diesem Tage für sein Haupt zittern müssen, indem er einen Regenschirm verlor, den Kassussura ihm vor einigen Tagen geschenkt hatte. Eine solche Nichtachtung seines Geschenkes würde sicher mit dem Tode bestraft worden sein und der Arme war der Verzweiflung nahe, bis er zum Glück seinen Regenschirm wieder fand.
Je weiter wir gegen Westen vordrangen, desto bergiger und reizvoller wurde das Land. Zwar behielten die Höhen noch Plateaucharakter, doch fielen sie nach allen Seiten in steilen, oft in schroffen terassenförmigen Felswänden abstürzenden Hängen nach den engen Bachthälern ab. Auf felsigem Pfade stiegen wir zu den grasigen, von ziegelrothen Viehwegen durchschnittenen Thälern ab. Die Eingeborenen der spärlichen, weit zerstreuten Dörfer pflegten mich meist in Gruppen zu erwarten, die etwa zehn Schritte vor mir Halt machten, worauf die Leute einzeln laufend ankamen und knieend und händeklatschend ihren Gruss »Kssura!« riefen. Das Baumwollzeug beginnt hier abzunehmen und macht der Fellkleidung Platz. Das Lager im Dorfe Uakilinda war durch eine riesenhafte Ricinuspflanze merkwürdig, die etwa 10 Meter hoch war, einen dicken Stamm und ausgebreitete Aeste besass.
Am 27. August verliessen wir das Gebiet des Urigi-See's und betraten den Grenzdistrikt Kassussura's, der weit trockener und weniger fruchtbar ist. Während sonst überall klare Bäche in den Thälern rieseln, trifft man hier auf trockene Wasserrisse und an den Hängen tritt oft rothbraunes, metallisch glänzendes Gerölle zu Tage, zwischen welchem nur einzelne, niedrige Bäumchen ihr Dasein fristen. Auch der graue Boden der Thäler scheint wenig fruchtbar. Wir bestiegen einen hohen Kamm, auf dem eine duftende Veilchenart gedieh und hatten einen weiten Blick über den Distrikt Nyakawanda mit seinen bräunlichen, tafelförmigen Bergen und den fernen Höhen von Uha im Süden.
Das Land ist wenig bewohnt, stundenweit liegen die kleinen ärmlichen Dörfchen von einander entfernt. Das grösste ist jenes des »Gouverneurs« von Nyakawanda, das einen Stachelzaun besitzt, der durch zahllose Spinngewebe von Weitem das Aussehen einer Mauer bekommt. Auch das Thierleben dieser Gegend, überhaupt der Länder westlich vom Nyansa, ist sehr arm, Wild trifft man fast gar nicht und selbst die unvermeidliche Hyäne liess sich Nachts selten hören. Vielleicht war daran die empfindliche Kälte schuld, die besonders in den frühen Morgenstunden das Thermometer auf 5 Grad Celsius fallen liess.
Am 28. August verliessen wir Kassussura's Land und durchzogen eine wilde von Bergkämmen durchschnittene, steinige, wasserarme Gegend, die den südlichsten Zipfel von Karagwe bildet und gänzlich unbewohnt ist. Sie trennt Ost-Ussui von West-Ussui oder Uyogoma, dessen erste Dörfer wir am Morgen des 29. August erreichten. Hier herrschte der Häuptling Yavigimba (Ruavigimba) der von unserem Nahen und friedlichen Absicht offenbar schon gehört hatte, denn an der Grenze erwarteten uns andere Wegweiser, und Lebensmittel wurden überall bereit gehalten.
Am 29. August kreuzten wir vor Kaponora's Dorf die Route Stanley's und traten in gänzlich unbekanntes Gebiet ein. Für die nächsten Tagereisen, soweit Yavigimba's Herrschaft reichte, konnten wir Erkundigungen einziehen, darüber hinaus jedoch lag Urundi, ein Land, mit dem keinerlei Verkehr bestand und von dem nur dunkle Gerüchte in's Ausland drangen. Vor der Massai-Tour konnten wir doch Nachrichten über die zu bereisende Gegend einziehen, diesmal jedoch tappten wir völlig im Dunkeln, betraten eine terra incognita im buchstäblichen Sinne des Wortes, ein Land, in dem der Kompass uns als einziger Leitstern diente.
Das östliche Uyogoma war kein besonders einladendes Gebiet, ein steriles Bergland mit unendlichen Hügelzügen, mit wenigen, ärmlichen Dörfern. Die Bewohner sind dunkler, negerhafter als die Leute in Ost-Ussui, sie gehören bereits der Warundi-Gruppe an und einige meiner Leute, die in Ujiji am Tanganyika geboren waren, konnten sich fliessend mit ihnen verständigen.
Von Rusengo an trat der Plateau-Charakter schärfer zu Tage, grasige Halden dehnten sich aus, in welchen einige Laubbäume verstreut waren. Die engen Thälchen haben ein schwaches Gefälle und sind von Papyrus-Massen erfüllt, zwischen welchen dünne, sumpfige Gewässer sickern. Die Niederlassungen waren weit auf den Hochebenen verstreut und schlecht gehaltene Felder umgaben die verfallenen Grashütten. Erst am 1. September erreichten wir ein etwas grösseres Dorf, die Residenz des Häuptlings Yavigimba. Derselbe zeigte sich vorerst nicht, doch kamen zahlreiche Eingeborene, die ihren Kniefall machten und reichlich Lebensmittel brachten, obwohl sie anscheinend selbst nicht sehr viel hatten. Alle waren mit langen Stäben und Speeren ausgerüstet, die sie bei der Begrüssung weglegten und trugen am Unterarm einen merkwürdigen dicken Holzring, der beim Bogenspannen dienlich ist. Sie sprachen kein Kisinja mehr, sondern nur Kirundi und scheinen früher eifrig Viehzucht getrieben zu haben, die jedoch durch die Seuche schwer litt.