Armring der Warundi.
Am 2. September kam Yavigimba, ein hochgewachsener dunkelfarbiger Mann, um Geschenke mit mir auszutauschen. Es war ihm sehr um die Freundschaft der Europäer zu thun und er bat mich dringend, ihm als sichtbares Zeichen eine Flagge zu geben. Hier war ein Verweisen nach Bukoba nicht mehr möglich, denn dieser Ort lag für Yavigimba gänzlich aus der Welt, ich nahm daher keinen Anstand, ihm eine deutsche Flagge und eine Bescheinigung zu geben, die jederzeit gegen einen Schutzbrief eingetauscht werden konnte.
Wenn ich gehofft hatte, in Yavigimba's Residenz etwas Sicheres über Urundi zu erfahren, so sollte ich mich getäuscht haben. Zwar erzählte man mir allerlei von den blutgierigen, kriegerischen Warundi, die keine Fremden in ihr Land liessen, von ihrem König Mwesi, der irgendwo an unbekanntem Orte throne, von zahlreichen »Nyansa«, welche das Land bewässern — aber irgend welche Klarheit konnte ich nicht erlangen. Von dem »Akanyaru«, dem Alexandra-See, den Stanley erkundet, kannte man allerdings den Namen und berichtete, dass er ein »Nyansa« sei, der Tage lang mit Kanus befahren würde, so dass ich hoffen durfte, einen grossen See zu entdecken.
Noch zwei Tagereisen hatten wir durch Uyogoma zurückzulegen, dann überschritten wir einen Kamm und stiegen sanft in ein Thal ab, das von mauerartigen, von verbranntem Gras geschwärzten Tafelbergen gesäumt ist. Die Wassui der kleinen zerstreuten Dorfkomplexe folgten uns schaarenweise mit ihren langen Speeren, leisteten ihren Gruss und schlossen sich dann in lachenden und scherzenden Gruppen der Karawane an.
Schon in den Morgenstunden erreichten wir das Ufer eines breiten Flusses, der seine graubraunen Wogen zwischen hohen von üppiger Vegetation gekrönten Ufern dahin wälzte. Mit Bewegung blickte ich in die Fluthen dieses Stromes, aus welchem steile Granitriffe hervorragten; war es doch der Quellfluss des Nil, hier Ruvuvu, später Kagera genannt, bildete er doch die Westgrenze von Ussui gegen jenes räthselhafte Urundi, in welches wir nun eindringen sollten!
Doch das Leben des Reisenden gewährt keine Frist zu langen Betrachtungen; schon hatte Mkamba den primitiven Einbaum, der als Fähre dient, in Beschlag genommen und mit kräftigen Stössen und Ruderschlägen beförderten die Wassui-Fährleute die ersten Askari an's linke Ufer. Hinter der Karawane, die sich am Ufer niederliess und allmählich übergeführt wurde, sammelten sich hunderte von Wassui und bedeckten dicht gedrängt als schwarze bewegliche Masse mit blitzenden Speeren die Hügelhänge und das Ufer. Auf der Felsinsel im Flusse hockten zahlreiche Eingeborene, gleich Affen sassen sie auf Baumstämmen, die in den Fluss hinausragten, ja sie schwammen trotz der vielen Krokodile darin herum, um das Schauspiel unseres Uebergangs zu geniessen.
Mit dieser Bewegung am rechten stand die Ruhe am linken Ufer in grellem Widerspruch. Wussten die Warundi etwa nicht, dass wir kamen, oder brüteten sie abseits Arges? Sollten die vielen Tage des Friedens, die wir genossen nun wirklich ein Ende haben und wir wieder blutigen Kämpfen entgegengehen? Die Askari am linken Ufer schienen ähnliches zu vermuthen, sie hatten Wachen ausgestellt und Mkamba's hohe Gestalt tauchte auf dem Gipfel eines Termitenhügels auf, unbeweglich in die Ferne spähend.
Plötzlich — ich befand mich gerade im Kanu — ertönte aus dem Dickicht des Ufers von Urundi ein langgezogenes Jauchzen und wie durch Zauberschlag tauchten plötzlich zahlreiche dunkle Gestalten mit langen Stäben aber ohne Waffen auf. Im Gänsemarsch kamen sie, Laub und ihre Stäbe schwingend, an, kräftige Gestalten mit originellen Haartouren und braun und grau gemusterten zipfelförmigen Ueberwürfen aus Rindenzeug, das von nun an das einzige Bekleidungsmaterial bildete. Auf der Höhe der Rampe stellten sie sich in zwei oder drei Reihen an und führten jenen merkwürdigen Tanz auf, den ich dann noch unzählige Male sehen sollte, ohne dass er seinen Reiz für mich verlor. Derselbe wird weder von Trommeln, noch von Gesang, noch von irgend einem Instrument begleitet. Den Takt giebt einfach der Tanzschritt, der durch mehr oder weniger kräftige Tritte bezeichnet ist. Unter Leitung eines Vortänzers führen die Massen mit unglaublicher Gleichmässigkeit und Geschicklichkeit diese Tänze auf, dass der Boden dröhnt und mächtige Staubwolken die Tänzer umhüllen. Mit hocherhobenen Armen schwingen sie zierlich ihre Stäbe und Laub, schreiten vor- und rückwärts, führen gleichzeitig hohe Sprünge aus und fallen dabei niemals aus dem Takt, der durch die Fusssohle gegeben wird. Dabei verliert der Tanz nie das Gepräge einer kraftvollen Anmuth; besonders die Vortänzer könnten es in kühnen und doch eleganten Sprüngen mit jedem Ballettänzer aufnehmen. Für einen alten Unteroffizier müsste der Tanz der Warundi geradezu ein Labsal sein, denn was ist der schneidigste Parademarsch gegen diese komplizirten, fortwährend wechselnden und doch unglaublich taktfest ausgeführten Tanzschritte!
Zum Schluss stimmten alle wieder das eigenthümliche Jauchzen oder besser gesagt Jodeln in der Fistel an, rissen Blätter von den Bäumen und streuten dieselben knieend vor mir aus. Während die Karawane übersetzte und wir am Ufer Lager schlugen, kamen immer neue Schaaren von Tänzern und die früheren lagerten in malerischen Gruppen auf der Uferrampe. Es war ein grossartiges Schauspiel. Am rechten Ufer standen Kopf an Kopf die Wassui, in dicht gedrängten Massen die Hügel bedeckend, am linken trampelten, jauchzten und klatschten hunderte von Tänzern in der grellen Sonne, einer Bande Wahnsinniger gleichend. Bei den Wassui sah man noch einzelne Fetzen Baumwollzeug, einige Glasperlen, die äussersten Vorposten der alles umfassenden europäischen Industrie, hier nichts dergleichen; Kleidung und Schmuck war echtes, unverfälschtes Afrika. Erst gegen Abend verzogen sich die Menschenmengen und es erschienen die Aeltesten der Gegend, um mir ein laubbekränztes Schaf und eine Sorghum-Aehre als Friedenszeichen zu überbringen.