Die Warundi waren nämlich sonst von einem Herrschergeschlecht regiert worden, welches seine Abkunft vom Mond (mwesi) herleitete und dessen Königstitel »Mwesi« war. Der letzte Mwesi, namens Makisavo (das Bleichgesicht) war seit langem verschollen, lebte aber der Tradition nach im Monde fort und wurde vom Norden her erwartet. Als nun plötzlich ein weisser Mensch vom Norden ins Land kam, sahen sie in ihm den ersehnten Herrscher, den Mwesi Makisavo.

Dagegen war nichts zu machen; eine Schaar wahnsinniger Fanatiker ist bekanntlich Vernunftsgründen nicht zugänglich, ich war und blieb für sie der Mwesi, und derart zum Pabst-König von Urundi befördert, blieb mir nichts anderes übrig, als meine Würde mit möglichstem Anstand zu tragen.

Anfangs machte mir die Sache übrigens viel Spass, die topographische Aufnahme war zwar durch den unaufhörlichen ohrenzerreissenden Lärm erschwert, aber das Schauspiel dieses grossartigen afrikanischen Volkslebens bot doch das höchste Interesse. Besonders im Lager entwickelten sich förmliche Tanzfeste. In weitem Kreise kauerten und standen die Volksmengen um einen freien Platz, auf welchem die Tänze stattfanden.

In der rechten den langen Stab, in der linken Laub haltend, führten die Krieger der einzelnen Gegenden nach einander die schwierigsten »Pas« auf. Oft hatten sich die jungen Leute desselben Ortes mit gleichartigem Rindenzeug bekleidet, ja eine Gruppe, die mir durch besondere Geschicklichkeit auffiel und von einem jungen, prachtvoll gebauten Krieger geführt wurde, trug schneeweiss bemalte Lederschurze. Komisch war eine Anzahl nackter Knaben, die jedesmal mitzutanzen versuchten, darunter oft kleine Bengel, die kaum die Beine heben konnten. Diese durften Fehler im Tanz machen: doch wehe dem erwachsenen Tänzer der nur den geringsten für Nicht-Warundi kaum wahrnehmbaren Fehltritt machte, er wurde mit Hohngeschrei verjagt und konnte froh sein wenn er ohne Prügel davon kam.

Nach den Männern traten Weiber an, die Verheiratheten in aschgrauer Kleidung, die Kinder auf dem Rücken, die Ledigen mit ganz schmalen Lendenschurzen, kleine Mädchen nackt. Sie stellten sich im Halbkreis auf, dessen Mitte zwei schön gewachsene junge Mädchen einnahmen, die mit ausgebreiteten Armen einen reizenden Tanz im spanischen Fandango-Styl aufführten, begleitet von Händeklatschen und angenehm weichem Gesang. Nichts, als die anmuthigen Bewegungen der Arme erinnerte hier an den obscönen »Bauchtanz« der Orientalen und vieler Negerstämme, bei welchem die Tänzerin fast unbeweglich steht. Hier wurde regelrecht mit den Beinen und zwar mit einer Kühnheit und Anmuth getanzt, um welche jede Ballerine die schwarzbraune Kollegin beneiden könnte. Der wohlklingende, wechselvolle Gesang der sanften Frauenstimmen und der Anblick dieser schlanken Wesen, welche mit ständigem Lächeln jene kunstvollen Tänze aufführten, gaben ein Schauspiel von eigenthümlichem Zauber. Auf das Schöne folgte das Groteske in Gestalt einiger alten Weiber, die mit »süssem« Grinsen, zum Halloh der Träger, ihre runzeligen Glieder verrenkten.

Um Nahrungsmittel brauchten wir hier nicht zu sorgen; der Wunsch, etwas zu kaufen, wurde garnicht begriffen; denn dem Mwesi gehört eben alles, was im Lande ist, er nimmt sich was ihm beliebt und was er nicht nehmen kann wird ihm lastenweise von allen Seiten angebracht. Grosshörnige Rinder, Ziegen und Schafe, Unmengen von Bananen und Hülsenfrüchten, zahlreiche Krüge mit Pombe kamen fortwährend, ohne dass irgend jemand von uns etwas verlangte oder erbat. Selbst die sonst unvermeidliche Bettelei der Neger verstummte dem Mwesi gegenüber. —

Das Land behielt stets den Charakter eines grasigen von engen Papyrusthälchen durchzogenen Berglandes. Manchmal hat man eine breite Senkung zu überschreiten, die stets versumpft und mit verfilzter, schwimmender Grasvegetation bedeckt ist, in welche man leicht einsinkt. Die Warundi häuften hier Bündel von Gras auf, um uns das Ueberschreiten zu erleichtern. In dieser Gegend lebt auch ein den Pygmäen verwandter Stamm der Watwa, der in ärmlichen Grashütten haust.

Landschaft in Nord-Urundi.

Wir durchzogen die reich bewohnten Distrikte von Gutaha und Mukivuye und erreichten am 10. September Intaganda, eine Landschaft am rechten Ufer des breiten Thales, welches der papyrusreiche Akanyaru-Fluss durchströmt. Dieser gab Veranlassung zur Entstehung der Sage vom Nyansa ya Akanyaru, dem Alexandra-See Stanley's.