Jenseits tauchten hohe grasige Berge mit den dunkeln Punkten der Siedlungen auf; es war Ruanda, das räthselhafte Königreich, in welchem weisse Neger vermuthet wurden, jenes Fabelland, von dem viele Reisende gehört, das aber noch Keiner betreten hatte. Mein Wunsch, die Nilquellfrage endgiltig zu lösen, hielt mich davon ab, eine nähere Erforschung dieses Landes vorzunehmen, jedenfalls wollte ich es jedoch besuchen und beschloss daher am nächsten Tage den Akanyaru zu übersetzen.

Die moralische Kraft meiner Leute, besonders der Askari, wurde zu jener Zeit auf eine harte Probe gestellt. Denn darüber waren wir uns völlig klar, dass diese tolle Freundschaft der Warundi, welche ausschliesslich auf Aberglauben begründet war, jeden Augenblick durch irgend welche zufälligen Ereignisse in das Gegentheil umschlagen konnte. Zwar kam alles unbewaffnet und nur mit langen Stäben, doch die Speerspitze steckte in Laub eingewickelt unter dem Rindenzeug, und jeden Augenblick konnten die friedlichen Tänzer sich in speerschwingende blutgierige Gegner verwandeln. Ein strenger Wachtdienst wurde daher Tag und Nacht unterhalten und Befehle ausgegeben, welche es uns ermöglichen sollten, jeden Moment einen Angriff abzuwehren.

Das Bewusstsein der trotz aller Freundschaft stets drohenden Gefahr, der Anblick der tausendköpfigen Menschenmasse, welche gleich einem brausenden Meere sich längs der Karawane hinwälzte, das ununterbrochen andauernde Getöse, alles das war im Stande auch die härtesten Gemüther zu beeinflussen. Vom Tanganyika, dem wir zustrebten, hatte hier kein Mensch eine Ahnung und immerfort ging es nach Westen, unbekannten Fernen zu. Ich versicherte ja freilich, dass der Tanganyika nicht mehr weit sei, aber auch das Vertrauen in die Wissenschaft des Weissen hat in solchen Fällen seine Grenzen. Dazu kam, dass Mzimba an einer Augenentzündung erkrankt und fast blind war, also nichts zur Hebung des guten Muthes der Mannschaft beitragen konnte.

Als wir denn in Intaganda lagerten und das wilde Stampfen und Jauchzen der Warundi draussen ertönte, hielten die Askari unter sich eine Berathung und schickten mir eine Deputation, welche mich bat, zurückzukehren, denn sie wollten nicht mehr weiter ins Innere reisen und den Akanyaru nicht übersetzen. Dies wäre nun vielleicht der Moment gewesen, meine Leute antreten zu lassen, nach berühmten Mustern eine begeisternde Rede zu halten und an ihre Treue und ihren Muth zu apelliren. Vielleicht wären sie mir dann — ebenfalls nach berühmten Mustern — zu Füssen gefallen und hätten gerufen: »Mit Dir gehen wir bis an's Ende der Welt.«

Aber ich versäumte leider diese Gelegenheit und begnügte mich, der Deputation einige harte Gegenstände, die sich gerade in meiner Nähe befanden, an den Kopf und sie aus meinem Zelt hinaus zu werfen. Als dann gegen Abend die Askari zur Wachabtheilung antraten, fragte ich sie, ob vielleicht noch jemand von mir etwas wünsche, worauf sie versicherten, dass sie ganz und gar zufrieden seien.

Am Morgen des 11. September übersetzten wir den Akanyaru. Von Intaganda aus marschirten wir zuerst über eine bergige, von Dörfern bedeckte Halbinsel, welche in die Papyrus-Sümpfe einschneidet. Dann stiegen wir steil zum Akanyaru ab und betraten den von Wurzelstöcken durchsetzten, jetzt völlig trockenen schwarzen Boden der Ufer, in dem 2-3 m hohe Papyrus-Halme gedeihen. Der erste Arm des Flusses war etwa 10 m tief und nicht durchwatbar. Am linken Ufer, welches schon zu Ruanda gehört, zeigte sich anfangs keine Seele, und ich begann mit meinen Leuten die Ufer nach einem Kanu abzusuchen.

Da traten drüben einige Wanyaruanda, mit Speeren und Haumessern bewaffnet, aus dem Schilf. Die Warundi riefen ihnen zu, die Speere wegzulegen, da der Mwesi ihr Land besuchen wolle. Dies geschah sofort; auf einen gellenden Schrei des Anführers erschienen noch etwa 50 Leute und begannen unaufgefordert eine eifrige Thätigkeit. Einige holten zwei grosse, im Schilf verborgene Kanus, in welche sie, mit ausgehöhlten Rudern arbeitend, die Karawane überzusetzen begannen. Andere flochten lange Seile aus Papyrus, die sie über den Fluss spannten, worauf sie in Form von Papyrusbündel Scheiterhaufen darauf häuften und festbanden. Auf diese Art errichteten sie in unglaublich kurzer Zeit eine Brücke, auf welcher die Träger, ja selbst Rindvieh und Esel trockenen Fusses übersetzen konnten.

So marschirten wir in Ruanda ein, als jedoch unser reichliches Gefolge von Warundi nachdrängen wollte, widersetzten sich die Eingeborenen und auch ich, der ich froh war, die unruhige Gesellschaft loszuwerden, machte meine Autorität als Mwesi geltend und schickte sie heim. Sie blieben zurück und lange tönte ihr Ruf »Gansa gansa Mwami« (sei gegrüsst Häuptling) hinter uns her. Noch überschritten wir einen zweiten, ebenfalls überbrückten Arm und verliessen dann den Papyrusgürtel um den Hang eines steil ansteigenden Grasberges zu betreten.

Auch hier standen grosse Menschenmengen, auch hier wurde getanzt und gejubelt und die Weiber, unter welchen es sehr hübsche gab, empfingen uns mit »offenen Armen« und sangen, ihre Laubzweige schwingend, wohlklingende Lieder. Doch fehlte der tolle Fanatismus Urundi's, ich war eben hier nicht mehr der Mwesi, sondern höchstens ein ausländischer Potentat, dem man einige Aufmerksamkeiten erweist. Wir lagerten auf der Höhe in einem schönen bananenreichen Dorfe Mundabi, das gut gebaute, wohnliche Hütten besass. Dort stellten sich mir einige Häuptlinge, Watussi, mit völlig abessinischen Gesichtstypen vor, die hier Kigere, den König von Ruanda, vertraten. Auch in der Verproviantirung zeigte sich ein Unterschied mit Urundi, man brachte zwar reichlich Lebensmittel, aber man erwartete und bekam Gegengaben. Die beiden nächsten Tage verbrachten wir in Mundabi und ich zog eingehende Erkundigungen über das Vorhandensein eines Sees in Ruanda ein, erhielt jedoch hier, im Lande selbst negative Antworten. Die Eingeborenen führten öfter Tänze auf, haben es jedoch in der Kunst Terpsichorens nicht annähernd so weit gebracht wie die Warundi.

Am 14. September zogen wir durch stark welliges, offenes Land mit grünenden Thälern und steilen Hängen gegen Südwest. Ueberall rieselten klare Bäche, welche in zahlreiche Gräben abgeleitet, die schönen Felder bewässerten. Ueberhaupt waren die Kulturen und Dörfer in Ruanda viel besser gehalten als in Urundi, ein Umstand, der bei sonst ganz gleichartiger Bevölkerung wohl der Ruhe im Lande, im Gegensatz zu dem politisch zerfahrenen Urundi, zu danken ist. Auch ziemlich viele Rinder mit ungeheueren Hörnern sind zu sehen.