Die Eingeborenen bereiteten uns überall einen freundlichen Empfang, die Weiber sangen und die Aeltesten überreichten uns mit Laub umwundene Spaten als Friedenszeichen. Ueberall gab es Watussi, die durch schlanken Körperbau und fast europäischem Typus sofort auffielen. Einige waren lichter gefärbt und haben wohl zur Entstehung der Sage von den weissen Negern Veranlassung gegeben. Sie benahmen sich etwas zurückhaltend und erklärten stets, wir müssten erst die Erlaubniss Kigeres zum Verlassen des Landes einholen, bevor wir uns der Grenze näherten. Merkwürdigerweise hielt man uns im Lande für gänzlich unbewaffnet, da Gewehre völlig unbekannt waren.

Watussi-Rind.

Am nächsten Morgen zogen wir durch mehrere Dörfer, wo wir mit gewohntem Jubelgeschrei empfangen wurden, und wandten uns dem Abfall gegen den Akanyaru zu, der auch hier die Grenze Urundi's bildet. In dem offenen, grasigen Lande konnte ich die ganze Karawane übersehen und bemerkte, dass plötzlich etwa dreissig mit Bogen bewaffnete Eingeborene sich dem Vortrab entgegenstellten. Es waren Watussi, welche Mkamba zuriefen, wir dürften das Land nicht verlassen, bevor Kigere dies bewilligt. Mkamba hielt dies für einen Scherz, da er doch nicht annehmen konnte, dass dreissig Leute die Karawane aufhalten wollten, und marschirte ruhig weiter. Da vertheilten die Krieger sich seitwärts von der Route und begannen ganz gemüthlich, Pfeile auf uns zu schiessen. Natürlich genügten einige Schüsse, um sie zu verjagen, worauf unsere Massai-Viehtreiber sie mit ihren langen Speeren verfolgten. Damit war dieser Zwischenfall erledigt und im nächsten Dorfe erscholl wieder Freudengeschrei und Weibergesang.

Wir stiegen über steile Hänge nach dem Akanyaru ab. In den Schluchten rauschten Gewässer, die von Schirmakazien und Laubbäumen eingesäumt waren. Solche bezeichneten auch den Lauf des Akanyaru, der hier als vielgewundener, reissender Bergstrom gegen Nordost floss. Während wir den Fluss durchwateten, sammelten sich jenseits riesige Menschenmengen an, das »Gansa mwami« erscholl, Alles jubelte, tanzte, klatschte und tobte wie wahnsinnig im Kreise herum — kurz, wir waren wieder in Urundi.

In den nächsten Tagen durchzogen wir die Distrikte Mugitiva und Rusiga. Das Land steigt immer mehr an und erhebt sich zu bedeutender Seehöhe. Grasige, langgezogene Rücken durchziehen das Land und fallen in steilen Hängen zu den meist sumpfigen Thälern ab. Im Südwesten taucht allmählich eine hohe waldige Bergkette auf, in der ich die Wasserscheide gegen den Tanganyika vermuthete. Die zahlreichen Gewässer bildeten die hintersten Wasser des Nil, dessen Quelle wir uns immer mehr näherten. Die bananenreichen Dörfer waren von Feldern umgeben, in welchen besonders eine vorzügliche Erbsenart gedieh, auf den Wiesen weideten zahlreiche Rinder mit ungeheurem Gehörn.

Der Fanatismus der Warundi erreichte hier seinen Höhepunkt. Ungeheure Volksmassen kamen von allen Seiten angezogen und wälzten sich gleich einem Strom hinter uns her. Andere Schaaren zogen voraus, gleich einem Heuschreckenschwarm über alles im Lande herfallend. Sie rissen Vorräthe und Hausgeräth aus den Hütten, die Felder waren in wenigen Minuten kahl, ganze Heerden von Rindern wurden mitgetrieben und von meinem rasenden Gefolge oft buchstäblich in Stücke zerrissen. Die ungeheuren Pombemassen, die sich in den Dörfern fanden, trugen ebenfalls nicht zur Beruhigung der Gemüther bei.

Die Bewohner der Ortschaften liessen sich nicht immer ruhig ausplündern, es fanden blutige Gefechte vor der Karawane statt, bei welcher Leute schwer verwundet, mehrere sogar erschlagen wurden. Aber sobald ich mich näherte, legten beide Theile die Waffen nieder, warfen sich buchstäblich unter die Hufe meines Reitesels und riefen ihr »gansa mwami!« Die tollste Raserei entwickelte sich in unmittelbarer Nähe meiner Person. Männer, Weiber und Kinder drängten mit fürchterlichem Geschrei und fanatisch verzerrten Zügen auf mich ein; denn den Mwesi gesehen oder gar berührt zu haben, galt als das höchste Glück. Kurbatschhiebe und selbst Kolbenschläge der Askari waren völlig wirkungslos, mit blutüberströmten Gesichtern kehrten die Gezüchtigten sofort wieder und heulten knieend ihr »gansa mwami«.

Der fortwährende Anblick dieser aneinander gepressten schwarzen Leiber, das Getöse, welches die Luft erzittern machte, und der Wahnsinn, der aus dem ganzen Treiben sprach, machten auf mich den tiefsten Eindruck. Ich rechne es mir zur Ehre an, in jenen Stunden die topographische Aufnahme auch nicht eine Minute unterbrochen zu haben. Wenn mir das überhaupt möglich war, so verdanke ich dies nur meinen braven Askari, die dieser Volksmasse gegenüber ihr kaltes Blut behielten.

Natürlich wandte sich die Wuth der Leute oft gegen sie, wollten sie die Warundi doch von ihrem Mwami abhalten. So kam es, dass am 17. September die Askari erst durch Stockhiebe, dann durch Bisse und schliesslich sogar durch Messerstiche verwundet wurden. Als einem jungen Manyema-Ruga-Ruga gar die Unterlippe abgebissen wurde, war es kein Wunder, dass er Feuer gab. Wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt, krachten gleich mehrere Schüsse, und bevor mein sofort gegebener Pfiff zum »Feuer einstellen« sich Geltung verschaffte, bedeckten zu meinem tiefen Bedauern etwa 30 Warundi todt und schwer verwundet den Boden.