Eine Todtenstille trat ein und wir erwarteten nun, den längst gefürchteten Umschlag der Stimmung eintreten zu sehen. Aber nichts dergleichen geschah, ein gellender Freudentriller einer hohen Frauenstimme unterbrach das Schweigen, das »gansa mwami« erscholl wieder aus tausend Kehlen, die Krieger tanzten wenige Schritte von den Leichen ihrer Landsleute, und in das Aechzen der Sterbenden mischte sich der Jubelgesang der Weiber. Es war ein schreckliches Bild.
Obwohl ich mich selbst und in Anbetracht der Umstände auch die Askari von jeder Schuld freisprechen musste, rief ich doch im Lager die Aeltesten der Gegend zusammen und erklärte mich bereit, das in Afrika in solchen Fällen übliche Blutgeld zu zahlen. Aber sie hielten das für einen Scherz. »Der Mwesi«, sagten sie, »thut und lässt was er will, schlägt todt wen er will, ja, ein Mwesi, der keine Leute todtschlägt, wäre gar kein richtiger Mwesi.«
Im Lager war natürlich lebhafte Bewegung. Die Volksmengen, welche uns begleiteten, lagerten meist etwas abseits und äfften Nachts die Rufe unserer Wachtposten nach. Zu mir kamen fortwährend Leute mit Geschenken, kamen Zauberer mit weiss bemalten Gesichtern, eine Klapper schwingend und mit künstlich heiserer Stimme Beschwörungen murmelnd, ja es kamen Leute, welche selbst meinem Esel Geschenke an Vieh und Pombe anboten und sich um sein Wasser, als einer kostbaren Medizin, schlugen. Einmal brachte man mir einen uralten weisshaarigen Mann und fragte mich, ob ich ihn kenne. Ich bedauerte nicht die Ehre zu haben, worauf der Alte meinte, ich habe ihn wohl vergessen, er aber erinnere sich noch genau daran, mich schon früher als Mwesi gesehen zu haben.
Die Träger hatten damals eine bequeme Zeit, denn unterwegs galt es bei den Warundi als eine vielbeneidete Ehre, die Lasten des Mwesi zu schleppen und im Lager bedurfte es nur eines Winkes, um Eingeborene zum Wassertragen und anderen Verrichtungen zu veranlassen.
Am 18. September überschritten wir den Nil, der hier, wie an der Grenze von Ussui, Ruvuvu genannt wird, einen stark fliessenden, etwa 5 m breiten Bach, und wandten uns nach Nordwest, um dessen Quelle zu erreichen. In den zahlreichen Dörfern hausen viele Watussi, die sich zum Unterschied von den Warundi scheu und ablehnend verhielten. Sie stellen gewissermaassen einen Raubadel vor und waren daher von dem Erscheinen eines Mwesi, der ihnen angenehme anarchische Zustände beenden konnte, keineswegs erbaut. Die Warundi warnten mich mehrfach vor ihnen und als ich sie aufforderte, doch alle Feinde von mir abzuwehren, was ihnen bei ihrer riesigen Uebermacht nicht schwer fallen könne, erklärten sie, dass dies nicht anginge, sie als »Wahutu« (Unterworfene) könnten unmöglich mit ihren Herren, den Watussi, kämpfen, dies müsse der Mwesi schon selbst besorgen.
Als wir am 18. September von einer Anhöhe abstiegen, fiel mir auf, dass unser Warundi-Gefolge langsam zurückblieb und plötzlich bemerkte ich etwa 200 Watussi, die mit Bogen und Speer bewaffnet von der Höhe auf uns anstürmten. Ich bestieg schleunigst mit meinen Askari eine Kuppe im Hang, liess einige Salven auf die Angreifenden abgeben und warf sie ohne Schwierigkeit. Als ich die Höhe erstieg, war ich natürlich überzeugt, dass alle bei mir befindlichen Leute mir dahin folgen würden. Zum Unglück blieb jedoch der Massai-Dolmetsch Bakari (Kiburdangop) mit seinem Freunde, dem Elmoruo Ndaikai von Unter-Aruscha am Wege stehen. Einige Watussi bemerkten diese beiden, stürzten auf sie los und verwundeten Bakari am Oberarm. Allerdings stiess Ndaikai die beiden Krieger nieder, doch als er mit blutrauchendem Speer zu mir kam, um den Vorfall zu melden, war es zu spät, Bakari war bereits dem Blutverlust erlegen. Nun geriethen unsere Massai-Hirten, die Bakari stets besonders geneigt waren, in grenzenlose Wuth; unterstützt von den Elephantenjägern unternahmen sie eine Verfolgung der Watussi und stiessen viele derselben nieder.
Den braven Bakari, der sechs Jahre seines Lebens im Massai-Lande verbracht und dem ich fast alles verdanke, was ich über Sprache und Sitten der Massai erfahren, senkten wir in die Erde — eine Tagereise von der Nilquelle.
TAFEL X
Missosi ya Mwesi und die Nilquelle.