Am 19. September verfolgten wir den Ruvuvu-Nil aufwärts, der hier ein kleines, nicht viel über einen Meter breites Bächlein ist, das in schmalem, leicht sumpfigem Thal zwischen hohen und steilen Grashängen rauscht. Nach einigen Stunden erreichten wir eine Stelle, wo das Thal sich gabelt und zwei kleine, kaum einen halben Meter breite Rinnsale sich einen. Hier war die Ansicht der Eingeborenen getheilt, welche der beiden Quellen als Ruvuvu, als Nil, zu bezeichnen sei. Doch schien mir dies von nebensächlicher Bedeutung, da die Schluchten, wie man deutlich wahrnehmen konnte, in den westlich ansteigenden theilweise waldigen Bergen ihr Ende erreichen und kaum einen Kilometer oberhalb des Vereinigungspunktes zu reinen Regenschluchten werden, die nur periodisch Wasser führen. Wir standen am Ursprung des Kagera, des mächtigen Hauptstromes des Victoria-Nyansa, welchen die Engländer Alexandra-Nil nennen, weil er zugleich der Quellfluss des Nil ist, wir standen an der

Quelle des Nil. Das uralte Problem, in welches zuerst Licht geworfen zu haben Spekes unvergänglicher Ruhm ist, fand hier seine endgiltige Lösung, das Ziel welches Stanley 1874 vergeblich angestrebt, war erreicht.

Wir erstiegen eine grasige Höhe zwischen den beiden Quellschluchten und lagerten im kleinen Watussidorf Unyange. Unser Gefolge an Warundi hatte stark abgenommen, denn merkwürdigerweise gilt diese Stelle ihnen als heilig und wird mit abergläubischer Scheu betrachtet. Hier wurden einst die verstorbenen Mwesi begraben.

Wuruhukiro und der Ganso Kulu.

In einem dunklen Hain, dem Wuruhukiro, unweit des linken Quellrinnsals, ruhten die Träger der Königsleichen, die Bestattung fand dann am Gipfel des Ganso Kulu, eines hohen Grasberges, statt. In den Berg-Wäldern irren, nach dem Glauben der Warundi, heute noch die Geister der verstorbenen Mwesi, nach welchen das Gebirge Missosi ya Mwesi genannt wird. Dieser Name, welcher wörtlich übersetzt »Mondberge« heisst, überraschte mich aufs höchste, denn wen würde er hier, an der Quelle des Nil, nicht unwillkürlich an die Mondberge der Alten erinnern, welche das räthselhafte Haupt des Nil beschatteten?

In Unyange trat wieder ein freudiges Ereigniss ein, im Lager der Elephantenjäger wurde ein Sprössling geboren, den ich Caput Nili taufte; der leidenden Wöchnerin zuliebe blieben wir am 20. September am Platze. Die Watussi machten sich mehrmals unangenehm bemerkbar, ja sie umschlichen Nachts das Lager und versuchten während eines schweren Wolkenbruches mit Hagelwetter einen Angriff. Sie wurden zwar ohne Schwierigkeit geworfen, doch mit der Nachtruhe war es vorbei und mehrmals wurde die Umgebung bei eiskalter, stockdunkler Regennacht mit der Magnesiumfackel abgeleuchtet, die grelle Lichtstrahlen über die weiten, schweigenden Grashalden warf. Am nächsten Morgen zeigten uns die Warundi eine grosse Schaar Watussi, die auf einem entfernten Hang Kriegsrath hielten. Ich störte diese Berathung sehr unangenehm durch einige wohlgezielte Schüsse mit dem Repetiergewehr und zum nicht endenwollenden Erstaunen der Warundi stob der Haufe auseinander. Bald darauf loderten überall Feuer in den Dörfern auf: die Warundi steckten die Dörfer der Watussi an, die sie nun für endgiltig besiegt hielten.

Am 21. September kletterten wir auf lehmigen, durch den Regen schlüpferig gemachten Pfaden über steile hohe Grasberge welche die Ausläufer der Missosi ya Mwesi bilden und lagerten im Dorfe Demera, wo die Hütten hübsch aus Bambus erbaut waren. Selbst hier, einige Tagereisen vom Tanganyika wusste man nichts von der Existenz dieses Sees und die Entmuthigung meiner Leute wuchs täglich. Ich beschloss nun die Missosi ya Mwesi zu übersteigen, da ich nach der Breitenbestimmung genau wusste, dass das Nordende des Tanganyika nicht mehr fern sein konnte. Natürlich musste ich zu diesem Zwecke die Eingeborenen über die vorhandenen Pfade ausfragen, was wieder das Missliche hatte, dass dadurch die Watussi Nachricht über unsere Bewegungen erhielten.

Zum Glück brachten die Askari bei Demera einen alten Mtussi ein, der, peinlich befragt, uns mittheilte, dass seine Landsleute einen Angriff im Bergwalde planten, was mir dann auch von Warundi bestätigt wurde. Ein Waldkampf gehört in Afrika bekanntlich zu den misslichsten Sachen, ich beschloss daher die Watussi ruhig auf uns lauern zu lassen und das Gebirge an einer anderen Stelle zu überschreiten.

Am 22. September ging es bei kühlem Wetter steil bergan; über die Grasfelder flogen Nebelstreifen, während in den Thalrissen prächtiger Wald mit weissen schlanken Stämmen und hohen tiefgrünen Laubkronen gedieh. Dort sah ich zum ersten Mal seit Jahren wieder den grauen Papagei, einen alten Bekannten aus West-Afrika. Weiter oben ersetzten strauchartige Erika's die Stelle des europäischen Krummholzes und einzelne 3-4 m hohe, an Königskerzen erinnernde Pflanzen (Lobelia) fallen auf. Ganz nahe an der Kammhöhe trafen wir noch mehrere kleine Warundidörfer, deren, trotz der Kälte fast nackte Bewohner zu unserer Begrüssung herbeieilten. Steil stiegen wir durch dichtes Bambusgestrüpp ab, das mit seinen zahllosen schlanken Zweigen und dem zarten matt-grünen Laubgefieder einen reizenden Anblick gewährt. Wir passirten einen dem Russisi zufliessenden klaren Bergbach und überstiegen einen zweiten hohen Kamm, der ganz mit Bambus und hochstämmigem dichten Wald bedeckt und von schmalen in den Lehmboden tief eingetretenen Pfaden durchzogen ist.