Erst Nachmittags traten wir aus der dunkeln Wildniss und gelangten in das Dorfgebiet der Landschaft Imbo, wo Bananenhaine und reiche Felder die Hänge bedecken. Am Fusse des Berges dehnte sich ein welliges Land aus, wo sich Feld an Feld reiht und unzählige Rauchsäulen die Weiler bezeichnen. Westlich davon liegt das breite flache Thal des Russisi mit seinen fernen dunkeln Randbergen, die schon dem Territorium des Kongostaates angehören. Im Süden schloss ein scharfer, heller Streif das Bild. Es war der Tanganyika, und ich zeigte ihn meinen Leuten, doch schüttelten sie ungläubig die Köpfe. Erst als die Sonne für einen Augenblick die Wolken durchbrach und die Wasserfläche silbern erglänzte, da ging ein Jubelschrei durch die Karawane: Al hamdu lillahi, tumepona! (Gott sei Dank, wir sind gerettet.)

Wir lagerten in einem kleinen Dorfe, dessen Bewohner uns freundlich, aber ohne Begeisterung aufnahmen; auch ich sagte »Gott sei Dank«, denn die Mwesi-Tollheit war vorüber. Es waren echte Warundi, welche dieses gesegnete Land bewohnten. Das Auftreten anderer Kulturpflanzen zeigte die Nähe des völkerverbindenden Sees an. Am 23. September stiegen wir von der Höhe ab und marschirten durch welliges von Bachthälern durchzogenes Land, auf dessen fettem Humusboden prächtige Felder der Eingeborenen gedeihen, in welchen die Bananenhaine und Komplexe halbkugeliger Hütten verstreut sind. Auch der glänzendblättrige Rindenbaum wird überall gebaut und zur Verfertigung des schönen, ziegelrothen Zeuges verwendet. Man sah ziemlich viel Vieh auf der Weide und in den Dörfern gab es reichlich Nahrung, Tabak und vortrefflichen Honig. Das Benehmen der Eingeborenen war gerade nicht unfreundlich, aber scheu; vor allen Dörfern standen Bewaffnete: sie hatten offenbar schon Küstenkarawanen und nicht von der besten Seite kennen gelernt, denn der Araber Rumaliza (Mohammed bin Halfan) aus Ujiji pflegte seine Sklavenjagden bis hierher auszudehnen.

Am 24. September betraten wir in der Landschaft Utavuka die Russisi-Ebene, welche mit hohem Graswuchs, Dorngestrüpp und Baumeuphorbien einen steppenhaften Eindruck macht. Nur wo die wasserreichen Bäche aus den Bergen treten, dehnen sich üppige Bananenhaine und ganze Wälder herrlicher Oelpalmen aus, die mich lebhaft an Westafrika erinnerten. Besonders fällt der Reichthum an Schmarotzerpflanzen auf, die an den Blattansätzen der Palmen herauswuchern und oft förmliche Bäume am Baum bilden. Dazwischen flatterte in kreischenden Schaaren der graue Papagei.

Am 23. war der Marsch durch sumpfige Stellen erschwert und führte dann durch offenes sandiges Alluvialgebiet, in welchem die glühende Sonnenhitze lästig wurde, bis endlich ein Blick auf den wogenden Tanganyika alle Mühe vergessen liess. Wir durchzogen einen Bananenhain, der seine Ufer säumt und lagerten knapp am Strande in einem kleinen Dorfe.

Der Anblick der sich von dort bot gehört zu dem Grossartigsten was ich in Afrika geschaut. Vor uns dehnte sich, ein riesiges Binnenmeer, der tiefblaue Tanganyika mit seiner donnernden, oceanartigen Brandung. Hinter dem üppigen, palmbekränzten Ufer erhoben sich im Osten die grünen Urundiberge, während im Westen, scheinbar direkt den Fluthen entsteigend, die gewaltige dunkle Bergmauer von Uvira aufragte.

Mit Behagen athmeten wir die köstliche Seebrise ein und liessen uns selbst durch Krokodile den Genuss eines Bades nicht verkürzen. Hatten wir doch den schwierigsten Theil unserer Reise hinter uns, standen wir doch an der äussersten, westlichsten Grenze des deutschen Interessengebietes und führte unser Weg fortan doch der aufgehenden Sonne entgegen, nach der Küste, nach der Heimath!

Warundi vom Tanganyika.

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Vom Tanganyika nach Irangi.