Das Lager der Sklavenhändler. — Kämpfe mit Watussi. — Die südlichsten Nilzuflüsse. — Baumdörfer am Mlagarasi. — Im Waldland Uha. — Kirambo. — Die Mission Urambo. — Tabora. — Erstürmung von Tambarale. — Sunguisi. — Die Wembere-Steppe und Usure. — Turu. — Ussandaui. — Irangi.
Am Tanganyika trafen wir zum ersten Male seit Wochen wieder auf Küstenleute. Unweit unseres Lagers lag, von festem Stangenzaun umgeben, eine Niederlassung des Arabers Mohamed bin Halfan aus Ujiji, besser bekannt unter dem Namen Rumaliza. Doch die freudige Begrüssung, die sonst beim Zusammentreffen mit Swahíli stattfand, blieb hier aus; scheu hielten sich die Insassen des Ortes in ihrer Befestigung und Nachts zeugte das fortwährende Dröhnen einer Trommel, dass sie scharfe Wacht hielten.
Für mich lag darin nichts verwunderliches, denn Rumaliza, ein Sklavenhändler und Kompagnon Tippo-Tips, galt seit jeher als Feind des Europäerthums und stand damals in dringendem Verdacht, mit dem aufrührerischen Häuptling Sike von Unyanyembe unter einer Decke zu stecken. Das war mir bekannt, doch konnte ich nicht wissen, dass zur selben Zeit am Südufer des Tanganyika blutige Kämpfe zwischen Belgiern und Arabern stattfanden, und dass in Manyema der grosse Entscheidungskampf zwischen dem Kongostaat und den Arabern begonnen hatte. Doch liefen dunkle Gerüchte von Kämpfen der Europäer mit Rumaliza bei mir ein, und die Warundi meldeten mir, dass Bakari, der Häuptling Rumaliza's in Ruwenga, jenseits der Russisi-Mündung einen Angriff auf mich plane. Diesem galt es unter allen Umständen zuvor zu kommen. Ich schickte also einen meiner Elephantenjäger, der früher in Manyema gewesen, nach dem arabischen Lager und liess dessen Anführer auffordern, zu mir zu kommen.
Nach längerer Zeit erschienen sie auch, wüst aussehende Kerle in zerrissener Küstentracht und mit langen Flinten. Es war derselbe Schlag Leute, mit welchen ich vor Jahren an den Stanley-Fällen des Kongo viel zu thun hatte; Menschen, die sich Sansibariten nennen, weil sie nothdürftig Kiswahíli sprechen, und doch nur Sklaven aus Innerafrika sind, die niemals die Küste gesehen. Sie berichteten übereinstimmend mit den Warundi, dass Bakari (Kapokora) das Oberhaupt dieser Gegend sei, und erklärten sich bereit, einen Brief an denselben zu bringen. Denn es war natürlich mein Wunsch, mit diesen Leuten gütlich auszukommen, da mir an dem Risiko eines Gefechtes mit Arabern wenig gelegen war, um so weniger, als dasselbe auf keinen Fall der Expedition irgend etwas nützen konnte. Ich beschloss daher, an Bakari zu schreiben.
Solche Briefe sind keineswegs leicht zu verfassen, da sie, wenn zu friedlich gehalten, leicht den Eindruck der Aengstlichkeit machen und dadurch geradezu den Angriff herausfordern. Mein Sekretär für diese Art Korrespondenz war der Askari Mwalim bin Kivuma aus Tanga, ein braver, ernster Bursche, der zum Unterschied von dem endlosen Phrasengewäsch seiner Landsleute einen geradezu lapidaren, an antike Inschriften erinnernden Styl besass. Als Beispiel sei der Brief an Bakari angeführt, den er für mich verfasste:
Salaam, baada ya salaam nimekuja mzungu mdachi. Kana unataka kupigwa njo upigwe. Kana unataka amani nami nataka amani. Lete sawadi zako kwa sababu baada ya siku tatu nitaondoka. Hii ndio maneno yangu, bwana kivunja. Dr. O. B.
(Gruss, nach dem Gruss: ich, ein deutscher Reisender, bin gekommen. Willst du geschlagen werden, so komme und werde geschlagen. Willst du Frieden, so will auch ich Frieden. Sende deine Geschenke, denn in drei Tagen reise ich ab. Dieses ist meine Rede. Bwana Kivunja. Dr. O. B.)
Die Wirkung dieses Briefes war ganz die gewünschte: denn schon am nächsten Morgen schickte Bakari Reis und Fische als Geschenk und liess mir versichern, dass er gänzlich friedlich gesinnt sei. Offenbar scheute er das Abenteuer eines Kampfes mit einem Europäer, der in drei Tagen abzog.
Bis 30. September erfreuten wir uns des angenehmen Aufenthaltes am See. Ein besonders eigenartiges Schauspiel bot das nächtliche Fischen der Eingeborenen bei Fackelschein, welches einen Kranz hellleuchtender Brände über die dunkle Wasserfläche zog.
Die arabische Niederlassung, die aus einigen Negerhütten bestand, war gefüllt mit Sklaven, meist Weibern und Kindern, von welchen nur einige Fusseisen trugen, während die andern frei umherliefen. Diejenigen, welche sich schon länger in der Station aufhielten, sahen halbwegs gut genährt aus, ein neuer Transport jedoch, der von Ruwenga ankam, bestand fast nur aus skelettartig abgemagerten elenden Gestalten, aus deren tiefliegenden Augen der Hunger sprach. Es waren meist Leute aus Ubmari, Uvira und Ubembe, Gegenden, die von Rumaliza's Leuten unaufhörlich verheert werden, die trotz ihrer Fruchtbarkeit nun fast brach liegen, und wo die von Pocken und Elend decimirten Eingeborenen ihre Kinder in die Sklaverei verkaufen oder selbst von den Leuten der Araber aufgelesen werden.