Obwohl die Händler viele kleine Stationen errichten, um die Verproviantirung zu erleichtern, wüthet doch fast fortwährend Hungersnoth in denselben, und die Krokodile des Tanganyika haben an den täglich hineingeworfenen Leichen ein reiches Mahl. Denn die ausgesogenen Gegenden können den Unterhalt dieser Massen nicht mehr bestreiten, die nur langsam in Kanus nach Ujiji zur Weiterfracht befördert werden.
Mhogo hadim Kivunja.
Aus Mitleid kaufte ich einige dieser Elenden, aufgeweckt aussehende Jungen, für Spottpreise, um eine rothe Mütze, zwei Meter Baumwollstoff u. s. w., frei, und gab sie später an Missionen ab. Es war unglaublich, wie rasch diese armen Kinder sich erholten: ein Bad, ein Fetzen Zeug als Lendenschurz, eine tüchtige Mahlzeit — und der stumpfsinnige, verzweifelnde Wilde ward zum heiteren, leidlich aussehenden Menschenkind.
Besonders rasch und gründlich veränderte sich Mhogo hadim Kivunja, ein Knirps, den ich in der Nähe des arabischen Lagers als schielendes kleines Scheusal mit runzeligem Greisengesicht aufgelesen. Er wurde später mein persönlicher Diener und weilt in dieser Eigenschaft heute noch bei mir. Doch Niemand würde in dem lebhaften, gesunden Jungen das elende Sklavenkind wiedererkennen, welches ich für eine Schüssel Maniok (Mhogo) und einen Meter Baumwollzeug am Tanganyika erstanden.
Am 30. September verliessen wir Usige, wie die von Warundi bewohnte Landschaft am Nordende des Tanganyika genannt wurde, um den Rückmarsch anzutreten. Natürlich wählten wir dazu nicht den Weg über Ujiji und die vielbetretene Karawanenstrasse, sondern hielten direkt Südost durch gänzlich unbekanntes Gebiet auf Urambo zu. Die Leute Rumaliza's, die uns abziehen sahen, schüttelten bedenklich die Köpfe und meinten, wir würden in dieser Richtung wohl nicht weit kommen, denn die Araber hätten sich da oben im Gebirge mehr als einmal blutige Köpfe geholt.
In den nächsten Tagen stiegen wir steil zur Höhe des Abfalls an. Der Hang ist von Warundi bewohnt und reiche Bananen- und Maniokpflanzungen dehnen sich zwischen völlig offenen, baumlosen Weidegebieten aus. Zahlreich sind die kleinen von Dornhecken umgebenen Dörfer, deren freundliche Eingeborene verwundert die Karawane anstarrten. Am 2. Oktober erreichten wir den Kamm, warfen einen letzten Blick auf die mächtige Fläche des Tanganyika, der düster zwischen seinen Steilufern lag und betraten ein welliges Grasland.
Wir waren hier wieder im Nilgebiet; die klaren, in den Thälern rauschenden Bäche bildeten die südlichsten Zuflüsse des »Vaters der Ströme«. Hier hausten ausschliesslich jene kühnen Hirten hamitischer Abstammung, die Watussi, und ihre ärmlichen Weiler mit ihren Distel- und Stachelgestrüpphecken, mit ihren malerischen hohen Bambusstauden und kleinen Erbsen- und Kürbisfeldern, waren überall verstreut; auf den Wiesen weideten zahlreiche, grossgehörnte Rinder. Diese Watussi waren es, welche Rumaliza und sein Gefolge geschlagen hatten.
Zuerst zeigten sie uns gegenüber keine feindlichen Absichten, nur alte Leute mit scharfen Zigeunergesichtern hockten unbeweglich am Wege und starrten uns misstrauisch an. Als wir jedoch eine Anhöhe hinanstiegen, erblickten wir auf deren Höhe eine grosse Schaar bewaffneter Krieger, welche den Weg versperrten. Sie riefen uns zu, wir möchten sofort umkehren und das Land verlassen, sonst würde es uns wie jenen ergehen, die vor uns gekommen seien. Ich liess ihnen antworten, dass wir nur friedliche Absichten und mit den Arabern nichts gemein hätten, ja gleich ihnen ihre Feinde seien. Ein wildes Kriegsgeschrei und Pfeilschüsse waren die Antwort. Ich liess einige Salven abgeben und ging dann sofort zum Sturm über, bei dem die Gegner geworfen wurden, worauf wir die Anhöhe besetzten.
Die Watussi, die offenbar von unserem Angriff überrascht waren, sammelten sich jedoch schnell, stürmten mit furchtbarem Geheul und geschwungenen Speeren wieder an und gaben erst nach, als sie durch erneuerte Salven erhebliche Verluste erlitten hatten. Dann begannen sie sich über die weite Hochfläche zu zerstreuen.