TAFEL XI

Der Tanganyika von Usige.

Da wir in dieser Gegend gänzlich ohne Wegweiser waren, musste ich eine Abtheilung Askari entsenden, welcher es auch nach langer Mühe und einer förmlichen Jagd gelang, einen der langbeinigen Watussi und ein Weib festzunehmen, die uns in den nächsten Tagen über das Grasplateau führten.

In Mhororo erreichten wir am 3. Oktober wieder ein Warundi-Dorf und traten am 4. in den vorzugsweise von Watussi bewohnten Distrikt Issasu, der von steileren, theilweise steinigen Kuppen durchzogen wird, deren Hänge mit zartem Gras bedeckt sind. Schon bei unserem Eintritt in das Land liefen uns viele Watussi mit Bogen und Speer nach und begannen schliesslich den Nachtrab zu beschiessen. Mzimba, dessen Augenleiden nun wieder völlig geheilt war, warf sie jedoch zurück und erbeutete eine Heerde von über 200 grosshörnigen Rindern. Von allen Bergen erscholl das Kriegsgeschrei der Watussi, aber nur wenige wagten sich in die Nähe der Karawane und griffen sie mit unglaublicher Kühnheit — natürlich erfolglos — an.

Gegen Mittag kamen wir in ein Dorfgebiet der Warundi, die uns unbewaffnet mit Tänzen und Jubelgeschrei empfingen und die Watussi, welche uns noch nachfolgten, mit den Waffen in der Hand verjagten, da diese, wie sie sagten, »den Krieg in ihr Land brächten«.

Zu jener Zeit machte sich der Mangel an Kugeln für die Vorderlader unangenehm bemerkbar, die wir erst durch Steine und hartgebrannten Töpferthon, dann (in Unyamwesi) durch Eisenkugeln ersetzten. Patronen für die Hinterlader besassen wir noch reichlich, was der ausschliesslichen Anwendung des Salvenfeuers zu danken war, durch welche eine grosse Munitionsersparniss ermöglicht wurde. Mehr als 5-10 Patronen per Mann wurden selten bei einem Gefecht verschossen, was bei Anwendung anderer Feuerarten entschieden unmöglich gewesen wäre. Auch machte ich die Beobachtung, dass die Leute, die ja im Schiessen nicht sehr gut ausgebildet waren, bei Salven ungleich ruhiger und besser schossen, als bei Einzelfeuer. Da Salven auf wilde Gegner auch einen weit grösseren Eindruck machen, so wurde Einzelfeuer überhaupt gänzlich untersagt und Niemand durfte ohne direktes Kommando schiessen.

Mein Vorgehen den Eingeborenen gegenüber war stets von dem Grundsatze geleitet, dass die festeste Hand zugleich auch die mildeste sei. Der Eindruck, welchen der erste Europäer in neuen Gebieten hervorruft, bleibt oft entscheidend für lange Jahre. Allzu friedfertige Haltung wird leicht als Aengstlichkeit aufgefasst und giebt Veranlassung zu eingeborenem Uebermuth, der später nur durch Ströme Blutes gebrochen werden kann. Energisches Auftreten dagegen, welches auch einen Kampf nicht scheut, der bei dem moralischen Uebergewicht unserer Waffen meist sehr unblutig verläuft, bringt den Eingeborenen von vornherein eine heilsame Achtung vor Europäern bei, welche die sicherste Gewähr späterer friedlicher Entwicklung ist.

Am 15. Oktober überschritten wir den Luaga und Msuávula, ansehnliche reissende Bäche, die zwischen ziemlich steilen Hängen rauschen und in ihrer sandigen Thalsohle die unglaublichsten Krümmungen machen. Den Msuávula bis zu seiner Quelle verfolgend, erstiegen wir einen höheren Grasberg; in zahlreichen Thalrissen bilden kleine Bäche hübsche Wasserfälle, an welchen Gruppen reizender Baumfarne auffallen. Auf der Höhe trafen wir ein offenes, leicht geneigtes Plateau, in dessen grasigen Halden die Felder und Dorfgruppen von Kiyonzo verstreut sind. Jedes Dorf bildet mit seinem stachligen Zaun, mit seinen dichten Bananen- und Ficus-Beständen einen kleinen Hain, der unvermittelt und kreisrund aus der grasigen Umgebung absticht. Im Innern sind die Dörfer durch Hecken in förmliche Irrgärten verwandelt, bieten jedoch einen schattigen, kühlen Aufenthalt.