Kiyonzo.

Am 7. Oktober überschritten wir einen kleinen, aber tief eingerissenen Bach, was mit den Rindern fast eine Stunde in Anspruch nahm, kamen an dem charakteristisch spitzen Felskegel Ulembera vorüber und passirten den vielgewundenen Luvirosa-Bach, unweit welchem wir in einem kleinen Dorfe, das theilweise von Watwa-Töpfern bewohnt war, lagerten.

Am 8. Oktober überstiegen wir eine mässig hohe, aber steile und steinige Bergkette, welche dadurch merkwürdig ist, dass sie die Wasserscheide zwischen Kongo und Nil bildet. Nach Nord laufen die kleinen Gewässer in den Luvirosa und Nil, dem Victoria-See und Mittelmeer zu, im Süden sammeln sich die Wasser des Mlagarassi, der dem Tanganyika zuströmt, welcher durch den Lukuga-Kongo mit dem Atlantischen Ocean in Verbindung steht.

Aus der kühlen, feuchten Höhe stiegen wir in ein heisses, trockenes Tiefland ab, in dem es augenscheinlich schon lange nicht geregnet hatte. Mächtige ziegelrothe Lateritmassen, in welche die Gewässer tiefe Rinnen eingegraben, bedecken das theilweise steinige Hügelland. Doch war das Land keineswegs unfruchtbar und schöne Felder umgaben die Dörfer der südlichsten Warundi, die hier leben. Zum ersten Mal in Urundi sah man Baumwollzeug, ein Anzeichen der grossen Karawanenstrasse, die Unyamwesi durchschneidet, während nördlich von der Wasserscheide alles gänzlich unberührt von jedem fremden Einfluss war. Aber auch ein sehr böser Gast hatte sich in diesen Theil Urundi's eingeschlichen: die Pocken. Ich empfand es nun schwer, dass der Impfstoff, den ich seiner Zeit von Europa mitgebracht, an der Küste keine Wirkung mehr besass, denn auch in der Karawane brach die Seuche aus. Durch strenge Absonderung der Kranken konnte ich das Umsichgreifen derselben verhindern, aber fast zwei Monate dauerte es, bis wir das Uebel gänzlich los wurden, und mehrere Askari und Träger, darunter der letzte Sudanese Faraj Abdallah erlagen demselben.

Am 10. Oktober verliessen wir das Dorfgebiet und traten in den dichten Laubwald ein, welcher das Thal des Mlagarassi bedeckt. Unterholz fehlte gänzlich und seine Stelle vertrat dürres, schneeweiss gebleichtes Bambusgestrüpp. Nach langem Marsch bei glühendem Sonnenbrand erreichten wir schöne Bohnenfelder und ein Dorf unweit des Mlagarassi, der zwischen Lehmufern nach Nord fliesst. Das Dorf, offenbar eine Neugründung und der südlichste Ort Urundi's, war ganz eigener Art. Zum Schutz gegen wilde Thiere waren die Hütten auf leichten Bambusplattformen in der Höhe der Bäume errichtet und nur durch primitive Leitern zugänglich. Die Grashütten auf ihren luftigen Höhen, die dunklen Gestalten der Eingeborenen auf den schwankenden Plattformen gaben in dem grünen Rahmen des Laubwaldes ein eigenartig malerisches Bild.

Am 11. Oktober überschritten wir den Mlagarassi und betraten die Landschaft Uha. Dieselbe ist ihrer grössten Ausdehnung nach mit Miombo-Wäldern bedeckt, die in der trockenen Jahreszeit kein sehr üppiges Aussehen hatten. Die Gras- und Krautvegetation, welche den Boden bedeckte, war verbrannt und in schwarze Asche verwandelt, die Stämme waren vielfach verkohlt und dürr hingen die Blätter an den Zweigen. Die Eingeborenen, Waha, welche die Dörfer der Waldlichtungen bewohnen, gleichen vielfach den Warundi, stehen jedoch in steter Verbindung mit Unyamwesi. Sie waren früher ihrer Habsucht und Gewaltthätigkeit wegen berüchtigt, wir lernten sie als ruhige, völlig harmlose Menschen kennen. In dem Distrikte Ruvungu wird der Wald von offenen Strichen unterbrochen, wo auf nacktem, ziegelrothem Lateritboden niedriges, glänzendblättriges Gesträuch kleine Oasen bildet, bei welchen eine schöne Primelart gedeiht. Sonst dehnt sich überall dichter endloser Wald aus, in dem die Siedelungen weit zerstreut sind und der so wasserarm ist, dass einzelne Dörfer ihr Trinkwasser stundenweit aus dem Mlagarassi schöpfen müssen.

Am 16. Oktober standen wir wieder am Mlagarassi, dessen rechtes Ufer besiedelt ist, während sich am linken weites, theilweise versumpftes, grasiges Ueberschwemmungsgebiet ausdehnt. Wir übersetzten den knietiefen Fluss und lagerten jenseits am Waldrande. Hier sah ich einige Zebras, das einzige Wild, welches mir westlich vom Victoria-See begegnete. Bei glühender Sonnenhitze ging es am 17. Oktober nach Iwanda, das in einem ausgetrockneten Papyrussumpf gelegen ist, bei welchem einige halb verschmachtende Marabus ein trauriges Dasein führten und in dem, von Staub bedeckt, einige Rindenkanus lagen, die zur Regenzeit die Ueberfahrt vermitteln. Unsere langhörnigen Watussi-Rinder, welche wasserreiche Höhen gewohnt waren, fielen zu Dutzenden und die Heerde schwand täglich.

Waha.

Am 19. Oktober durchzogen wir ein offenes Grasland mit breiten, zur nassen Jahreszeit versumpften Senkungen, in welchen die wasserliebende Raphia-Palme ihre nun dürren Wedel trübselig hängen liess und traten in ein weites Waldgebiet ein. Nur Elephantenjäger durchstreifen zeitweise diese gänzlich pfadlose Wildniss, in der die Richtung durch Axthiebe an den Bäumen bezeichnet ist. Ein Verirren konnte hier verhängnissvoll werden, denn viele Stunden weit sind die spärlichen Wasserplätze von einander entfernt. Alles Gras war abgebrannt und nur abenteuerliche Termitenbauten erhoben sich aus dem kahlen rothen Boden. Auch einzelne Baumstämme waren den Flammen erlegen und sperrten als verkohlte Strunke den Weg. Besser hatten die kieselharten, blendend weiss gebleichten, dürren Bambusrohre Stand gehalten, deren Gruppen überall als ungeheure Besen aufragten.