Wir mussten — zum ersten Mal auf der ganzen Reise — die Nacht ohne Wasser verbringen und bezogen mitten im Walde ein unverfälschtes Buschlager. Es war eine herrliche, laue Tropennacht. Nur die eintönigen Rufe der Wachtposten unterbrachen die Waldesstille und hochlodernde Lagerfeuer übergossen die schlanken, grauen Baumstämme und das malerische Gewirr der zierlichen weissen Bambusrohre mit phantastischem Licht.

Am 20. Oktober erreichten wir schon Morgens einen kleinen, niemals austrocknenden Tümpel, Itanga, und trafen dort auf einige Eingeborene, die in der Waldeinsamkeit die Rinde der Bäume abschälten und zu Schachteln und Rindenzeug verarbeiteten. Dann ging es weiter durch den Wald. Erst bei Sonnenuntergang betraten wir offenes Land, in dem die schlanke Form der Borassuspalme das Auge erfreute, und gleich darauf das grosse Dorf Makindi, wo wir gastliche Aufnahme fanden. Meiner Gewohnheit gemäss schlug ich das Zelt zwischen den netten Grashütten der Eingeborenen auf, wurde jedoch Nachts aus demselben vertrieben und musste vor dem Dorfe lagern. Dies geschah nicht etwa durch feindliche Menschen, sondern durch zahllose Ratten, die bei den grossen Getreidevorräthen des Dorfes geradezu Legion waren und mein Bett buchstäblich überschwemmt hatten. Auch Mzimba hatte im Lastenzelt einen förmlichen Kampf mit diesen Scheusalen zu bestehen.

Da diese sich Tags über zum Glück verloren, hielten wir am 21. in Makindi Rast und erhielten den Besuch des weiblichen Häuptlings dieser Gegend, eines zarten, kränklichen, aber nicht unschönen Weibes, dessen feine Züge deutlich den hamitischen (Watussi-) Typus trugen. Der Aberglaube verbietet der »Sultanin«, das Hauptdorf zu betreten; so traf ich denn draussen unter einer Palme mit ihr zusammen, wo sie mit schwacher Stimme und müdem Aufschlag der tiefschwarzen Rehaugen um »Medizin« bat.

Am 22. Oktober ging es durch eine weite, völlig baumlose Steppe, die zur Regenzeit ein Kothmeer bildet, mit Wasserarmen, die nur im Rinden-Kanu passirbar sind. Auch jetzt waren sie ziemlich mühsam zu durchwaten und die schlammige schwarze Fluth reichte den Leuten bis zur Brust. Dieser schmale, unbewohnte Streifen bildet die Grenze zwischen Uha und Kirambo, der ersten Landschaft von Unyamwesi, deren Grenzdorf wir am 23. Oktober erreichten.

Wir waren nun wieder in einer Gegend, die auf der Karte stand, bei dieser Reise eine seltene Ausnahme und auch die Dörfer und Felder, besonders die Reis-Kulturen zeigten uns, dass wir uns der Karawanenstrasse näherten. Ganz besonders imponirte uns das Hauptdorf Kirambo's, die Residenz Mlamira's, das wirklich eine kleine Stadt genannt zu werden verdient. Aussen zieht sich um den Ort ein tiefer Schutzgraben, dessen Wall mit dichtem, buschigem Euphorbiengestrüpp bepflanzt ist. Durch ein Thor betritt man den ersten koncentrischen Ring und gelangt an einen festen Stangenzaun, vor dem abermals ein tiefer Graben gezogen ist. Den dritten und innersten Ring bildet ein starker Lehmbau, ein Tembe, innerhalb welches, durch labyrinthartig verlaufende Zäune geschützt, Mlamira's Hütten gelegen sind.

In allen Ringen verstreut liegen die zahlreichen Kegelhütten, die schönsten und sorgfältigsten, die ich jemals im Innern Afrika's gesehen. Die grössten sind jene Mlamira's, im Centrum des Dorfes aufragende 12 m hohe Pagoden, die für Hunderte von Menschen Platz haben. Zahlreiche Taubenschläge beleben das Bild und überall beschatten Ficusbäume die kahlen Dorfplätze. Sie dienten früher zur Anfertigung des Rindenzeuges, doch ist letzteres längst durch das Baumwollzeug ersetzt, welches die unternehmenden Bewohner von der Küste holen. Hier trägt Alles Gewehre, die Männer kleiden sich mit weissem und blauem Zeuge, die Weiber mit bunten Tüchern nach Art der Swahíli-Weiber. Man könnte sich ohne viel Phantasie in ein Küstendorf versetzt denken, ein wunderbarer Kontrast gegen das wenige Tagereisen entfernte, gänzlich unberührte Urundi.

Obwohl noch kein Europäer sein Dorf besucht — die Route Stanley's verlief etwas östlich davon — hatte der junge Häuptling Mlamira, ein gutmüthig aussehender, schüchterner Bursche, doch eine deutsche Flagge und einen Schutzbrief, den er sich aus Tabora hatte holen lassen. Er nahm uns sehr freundlich auf und stellte reichliche Vorräthe von Reis, die uns besonders erfreuten. In den nächsten Tagen ging es durch die zu Urambo gehörigen Landschaften Mtimbi und Msennyi, in welchen stets Miombo-Wald mit Feldern wechselt und die Bewohner sich in ausgedehnten, befestigten Dörfern zusammenschliessen. Verschiedene Kulturpflanzen, rother Pfeffer, Tomaten und Citronen, eine Seltenheit im Innern, traten auf, ja jenseits des trockenen Igombe-Baches fanden wir beim Dorfe Mpegusi sogar Mango-Bäume, Granaten und Guayaven, welche die Stelle der früheren arabischen Niederlassung Msenne bezeichnen. Wir waren an der grossen Karawanenstrasse; nirgends erregte unser Erscheinen Aufsehen und die Eingeborenen, die uns in ihrer reichen Zeugkleidung unglaublich civilisirt vorkamen, standen höchstens neugierig vor ihren Dörfern und riefen uns auf Kiswahíli oder gar — auf deutsch ihren Gruss zu.

Aehnlich wie die Eisenbahnen in Europa, so wirken die grossen, alten Karawanenstrassen in Afrika unglaublich nivellirend. Ein und derselbe Typus von Leuten zieht sich längs derselben bis ins Herz des Kontinents, während wenige Meilen abseits, oft schon in der Nähe der Küste das unverfälschte Afrikanerthum blüht. Wer nur die Heerstrasse gesehen, kann kaum sagen, dass er in Afrika war.

Wenn schon die bekleideten Wanyamwesi mir den Eindruck höherer Kultur gemacht hatten, so sollte ich in Urambo noch ganz andere Civilisation kennen lernen, denn am 30. Oktober erreichten wir die englische Mission Kilimani-Urambo. Schon der äussere Anblick hatte gar nichts Afrikanisches. Auf dem Gipfel einer Anhöhe, erhob sich ein nettes Gebäude im Schweizer-Styl, umgeben von Wirthschaftsbauten und eingebettet in einem Hain von Citronen. Hier hatten nun schon seit vier Jahren Mr. und Mrs. Shaw ihr Heim, letztere eine junge englische Lady, die ihrem Gatten ins Innere des dunkeln Welttheils gefolgt war. Ich fand die liebenswürdigste Aufnahme bei dem Ehepaar und wurde auch dem Baby vorgestellt, einem reizenden kleinen Mädchen, das in Urambo geboren ist und mit seiner zarten, weissen Haut mir, der ich Monate lang nur schwarze Gesichter gesehen, fast als höheres Wesen erschien.