Mission Kilimani-Urambo.

In der Häuslichkeit sprach sich deutlich das Wirken einer Frau aus. In allen Räumen herrschte Ordnung und Behaglichkeit und bei Tisch erschienen auf blüthenweisser Decke Porzellangeschirre und geschliffene Gläser. Wenn Mrs. Shaw sich hauptsächlich mit dem Hauswesen beschäftigte, so war ihr Gatte ein wahres technisches Genie, Schlosser, Zimmermann, Tischler, Seifensieder in einer Person und konnte mit Stolz die schön eingelegten Möbel und sogar einen Kamin zeigen, den er zur Erhöhung der Wohnlichkeit in seinem elegant eingerichteten Salon aufgebaut. Porzellangeschirr, ein Kamin, ein Salon — in Urambo! Nun, mehr konnte man im Innern Afrika's, 700 Kilometer von der Küste, nicht verlangen.

Die Mission hat eine Anzahl Zöglinge, Knaben und Mädchen, die sich Abends in dem luftigen Dachraum des Hauses zur Andacht versammeln. Mr. Shaw spricht ein kurzes Gebet, dann singen die Kinder, durch Mrs. Shaw am Harmonium begleitet, einige Lieder. Die schwarze Schaar hat es im Singen recht weit gebracht, und wenn man diese Choräle mit meist bekannten Melodien, darunter auch die der österreichischen Volkshymne hört, so vergisst man, dass sie aus Negerkehlen ertönen und unwillkürlich fliegen die Gedanken nach der Heimath.

Leider ist der Gesang so ziemlich der einzige Gegenstand, in welchem die Mission bei ihren Schülern Erfolge erringt. Bei der ausserordentlichen Gleichgültigkeit der Wanyamwesi für alle religiösen Dinge ist es kaum möglich Proselyten zu machen. Die Missionskinder erhalten als Löhnung für ihre Thätigkeit als Schuljungen 2 Doti Baumwollzeug monatlich, doch selten hält es einer auch nur ein halbes Jahr aus und der Wechsel ist ein fortwährender. In zwölf Jahren, seit die Mission besteht, wurde noch kein einziger Schwarzer zum Christenthum bekehrt! Dabei stehen die Missionare auf bestem Fuss mit den Eingeborenen. Zu Lebzeiten Mirambo's, des bekannten »Napoleon von Unyamwesi«, kam dieser Häuptling oft allein und ohne Bedeckung in die Mission und vertrat stets energisch deren Interessen, indem er jede Schädigung ihres Eigenthums streng bestrafte. Ebenso hielt es auch sein Bruder und Nachfolger Mpanda Charo. Der jetzige Häuptling Tuga Moto (Sprühfeuer), ein halbwüchsiger, auffallend hübscher Junge, der mir, behängt mit Schmuck und Seidentüchern am Tage nach meiner Ankunft seinen Besuch machte, verbringt ganze Monate in der Mission und begegnet dem Ehepaar Shaw mit grösster Achtung.

Wenn daher auch der äussere Erfolg der Mission nur ein geringer ist, so kann doch der Einfluss auf die Bevölkerung nicht hoch genug angeschlagen werden. Der fortwährende, nahe Verkehr mit einem gebildeten Europäer hat offenbar bei den in so hohem Grade entwickelungsfähigen Warambo seine Wirkung nicht verfehlt und wenn die Warambo im Küstenaufstand sowohl, wie in den Kämpfen in Unyamwesi stets auf Seiten der Deutschen standen und stets eifrige und gehorsame Bundesgenossen waren, so ist das in erster Linie der Mission von Urambo, mit ihrem Leiter Mr. Shaw zu danken.

Wir verliessen Urambo am 3. November und zogen durch schwach bewohntes Waldgebiet der Landschaft Usagali zu. Aus dem Laubholz ragten stellenweise wilde Granitblöcke auf. Die Dörfer waren theils von Stangenzäunen, theils von jenen starken Lehmbauten, den Temben, umgeben, die im mittleren Unyamwesi die Dörfer zu kleinen Festungen machen. Wasser war spärlich und musste oft weit her aus dem Igombe geholt werden, in dessen Tümpel zahlreiche Welse sich aufhielten.

Am 7. November stiegen wir an einer Felskuppe vorbei in eine weite, grasige Mulde. Bärtige Araber auf weissen leichtfüssigen Maskat-Eseln, gefolgt von bewaffneten Sklaven jagten, eine Wolke Staub aufwirbelnd, durch die Ebene, schlanke Wasserträgerinnen in bunter Küstentracht folgten in malerischer Haltung, die den schöngeformten Arm zur Geltung bringt, den schmalen Pfaden, und Swahíli-Leute in weissem Talar riefen uns ihr »Yambo« zu.

Aus dem Grau der Ebene tauchten allmählig dunkle Parthien auf, man unterschied Gruppen schattiger Mangobäume, aus welchen vereinzelt verkümmerte Kokospalmen ihr Haupt erheben, dazwischen die braunen Dächer der runden und kegelförmigen Hütten und die flachen blendend weissen der Temben: der Knotenpunkt des Karawanenverkehrs, das Emporium Central-Afrika's, Tabora.

TAFEL XII