Pfahldorf am Mlagarassi.
Ueber dem höchsten Tembedach wehte das deutsche Reichsbanner; darunter die unbewegliche Silhouette des Sudanesenpostens, der sich scharf von dem lichten Hintergrund abhob: die kaiserliche Station.
Wir betraten bald die staubigen Plätze, die sich zwischen den verstreuten Siedelungen ausdehnen und hielten, von grosser Volksmenge begleitet unseren Einmarsch in Tabora. Der erste Bekannte den wir trafen, war zu meiner Freude der Askari Mzee bin Jumah, der mir meldete, dass er die Lasten von Mwansa richtig hierhergebracht habe. Bei den kriegerischen Verhältnissen, die damals in Unyamwesi herrschten, war ich um diesen Mann bereits besorgt gewesen, doch hatte er seine keineswegs leichte Aufgabe, mit seltenem Geschick anstandslos gelöst. Wenige Augenblicke später drückte ich dem deutschen Stationsvorsteher Med. Dr. Schwesinger und den Offizieren der belgischen Expedition die Hand, die sich eben auf dem Durchmarsch zum Tanganyika in Tabora befanden.
Der Aufenthalt in Tabora gehört nicht zu meinen angenehmsten Erinnerungen. Schon der Ort ist nichts weniger als anheimelnd mit seinen öden staubigen Strassen, seinen Kehrichthaufen und vielfach verlassenen halbverfallenen Temben und Hütten, ein Bild Grau in Grau, welches deutlich spricht, dass Tabora das Emporium Central-Afrika's — gewesen ist.
In der Station herrschte trübe Stimmung, denn die Spannung mit Sike, dem aufrührerischen Häuptling, der inzwischen sein wohlverdientes Ende gefunden, war damals am stärksten und fortwährend fanden aufregende Schauri mit übel beleumundeten Arabern, mit Seliman bin Masud, Ali bin Nasor und anderen verrätherischen Schuften statt, die unter der Maske tiefster Demuth nur mühsam den wilden Europäer-Hass verbargen. Die Belgier litten unter dem obligaten Träger-Elend und so war an Geselligkeit nicht zu denken. Die einzige Gelegenheit, bei der ich sämmtliche Europäer von Tabora versammelt sah, war eine — Hinrichtung, bei der ein Mörder an einen Baum beim Marktplatz aufgeknüpft wurde. Man wollte durch diese Exekution moralischen Eindruck auf die Bevölkerung machen, doch schien dieser Zweck nicht erreicht, denn kaum einer der zahlreichen, feilschenden Marktbesucher wandte den Kopf nach dem baumelnden Landsmann.
Ich erlitt einen schweren Verlust in Tabora durch den Tod meines Askari Kihara wadi Mwamba aus Kwa Kyege bei Mkusi in Bondeï, jener braven Seele die 1888 Dr. Meyers und meine Gefangenschaft bei Buschiri getheilt und in seltener Treue bei uns ausgehalten hatte. Er erlag einem perniciösen Fieber.
Ausser den Lasten die ich von Mwansa hergeschickt, fand ich auch Waffen und Munition, die von der Küste für mich angelangt waren, in Tabora. Es war mir daher garnicht unangenehm als täglich zahlreiche Leute sich meldeten, die unter dem Schutze der Expedition als freiwillige Träger nach der Küste gehen wollten, und ich nahm solche, wenn sie nur halbwegs kräftig waren, gerne an. Auch ein langer dürrer Araber erhielt die Erlaubniss sich mit seinen Leuten uns anzuschliessen, ein echter Maskater, der jahrelang im Innern Afrika's Alles versucht und nichts erreicht hatte. Derselbe erschien täglich Nachmittags zum Thee und machte eifrige Versuche mich zum Islam zu bekehren.
Auch die Expeditions-Damen erhielten in Tabora einen namhaften Zuwachs, meine Leute machten nämlich in den fünf Tagen unseres Aufenthalts die unerhörtesten Eroberungen und gar manche schwarze Schöne fand in der Nacht nach unserem Abmarsch eine Hinterthür, durch die sie dem Haremszwang entsprang und dem heissgeliebten Träger oder Askari nachrannte.
Am 15. November verliessen wir Tabora und zogen am 16. durch lichten, wasserlosen Wald nach Uyui, wo ein befestigtes Dorf und eine Niederlassung des Mr. Stokes sich befindet, eine ehemalige Mission, die jetzt in recht baufälligem Zustande ist. Ich selbst wurde dort — nach langer Pause — von einem starken Fieber ergriffen, das mir erst am 20. November den Weitermarsch gestattete. Durch die Grenzdörfer von Uyui ging es nach Ndara, wo zahlreiche kleine Tembedörfer mit viereckigem Grundriss und schmutzigem, winkeligem Innern in der ziemlich dürren Landschaft verstreut liegen. Von dort brachte uns ein zweitägiger, wasserloser Marsch durch öden Steppenwald nach Tambarale, dem Dorfe Mwana Tombolo's. An die Stelle des Miombowaldes traten Schirmakazien, Stachelgestrüpp und Baumeuphorbien, in den Mulden reckten ungeheure Baobabs ihre riesigen Aeste — wir näherten uns dem Massai-Land.
Aus der Wildniss tretend, erblickten wir am Morgen des 23. November das Dorf Tambarale. Ein dreifacher Ring fester Tembebauten, dessen äussere Umfassung wohl 4 Kilometer im Umfang hielt, umschloss einen Platz, in dem wenige Rundhütten ihre Kegeldächer erhoben. Auf der höchsten flatterte die schwarz-weiss-rothe Flagge und liess uns schliessen, dass wir einem freundlichen Dorfe nahten.