Durch das Thor des äussern Tembe traten wir in den ersten Ring und lagerten bei einem schattigen Baum, unweit des einzigen Brunnens des Ortes. Eingeborene waren hier nur spärlich zu sehen. Einer erschien und legte einen vom Lt. Langheld unterschriebenen Schutzbrief vor mir auf den Boden, worauf er sich schleunigst entfernte. Während ich noch über diese sonderbare Art, einen Schutzbrief vorzuweisen, nachdachte, krachten plötzlich Schüsse und einige Askari kamen, um zu melden, dass sie vom innersten Tembering aus beschossen würden. Ich dachte erst an einen Irrthum und eilte in den koncentrischen Raum zwischen dem zweiten und dritten Tembering, wurde jedoch aus den Schussscharten des letzten Tembe mit heftigem Feuer und einem Hagel von Pfeilen empfangen.

In der Eile hatte ich nur wenige Askari mit mir genommen und versuchte, mit diesen das niedrige Thor des Tembe zu stürmen, ein mörderisches Feuer aus allernächster Nähe streckte jedoch sofort 5 Mann todt nieder, mehrere wurden verwundet und ich selbst durch den Oberarm geschossen, so dass ich durch den Blutverlust gezwungen wurde, den inneren Tembering zu verlassen.

Ich liess die Kugel durch den Koch herausschneiden und begann mit Mzimba über die weiteren Schritte zur Einnahme des Ortes zu berathen. Denn dass wir einen so verrätherischen, grundlosen Angriff nicht unbestraft dulden konnten, war uns völlig zweifellos. Wir schossen erst Brandpfeile und Brandraketen auf die Strohdächer der Hütten im Innenraum, doch ein leichter Regen vereitelte unser Bemühen.

So warteten wir denn bis zum Einbrechen der Dunkelheit, vertheilten hierauf, um die Hinterlader-Munition zu schonen, die Vorderlader-Schützen auf das Dach des zweiten Temberinges und eröffneten bei Magnesiumlicht ein ununterbrochenes Feuern auf den Innenraum. Der Gegner erwiderte dies kräftig, aber gänzlich wirkungslos, da er stets aus den Schussscharten feuerte und daher unseren höher stehenden Leuten nichts anhaben konnte.

Unaufhörlich krachten die Schüsse, gellend tönte das Geschrei der Weiber aus dem Innenraum, rasselnd schallten die Trommeln, und die Kämpfenden riefen sich wilde Flüche zu. Besonders ein Bursche aus Tabora war im Fluchen gross: Tomba mbwa! (Heirathe einen Hund!) rief er hinein, und von dort erschallte das Kriegsgeschrei »Mwana Kiunge!« womit Sike von Unyanyembe gemeint war. Damit war mir auch klar, dass der ganze Anschlag auf Anstiften dieses Häuptlings geschehen war und einen direkt deutschfeindlichen Charakter hatte.

Nach und nach wurde das Geschrei im Innern schwächer. Das wohlgenährte Feuer hatte schwere Verheerungen angerichtet, Todte und Verwundete lagen bei den Hütten umher, und wir hielten den Augenblick zum Sturm gekommen. Natürlich konnten wir nicht daran denken, einen so ausgedehnten Ort von allen Seiten zu bestürmen, wir erstiegen daher rasch das Dach des innersten Temberinges und eröffneten ein kräftiges Feuer auf die letzten Vertheidiger, worauf gleichzeitig das Thor aufgeschlagen und der Innenraum besetzt wurde. Die noch lebenden Insassen suchten in verzweifelter Flucht nach der anderen Seite ihr Heil: breite Blutspuren bezeichneten ihren Weg.

Tambarale war unser und die erbitterten Leute wollten sofort Brand an die Hütten legen; doch liess ich dieselben erst untersuchen, was sich als sehr nothwendige Vorsicht erwies, denn grosse Pulvervorräthe lagen im Innern. Auch Zeug wurde in ziemlicher Menge vorgefunden und kam meinen schon recht zerrissen aussehenden Leuten sehr zu statten.

Am 24. November steckten wir Tambarale an, was bei den Tembebauten keineswegs leicht war, so dass erst gegen Mittag der leichenerfüllte Schauplatz unseres Kampfes eine rauchende Brandstätte war.

Man wird nun vielleicht die Frage aufwerfen, warum ich mich in dieses Gefecht einliess und mein Leben sowie das meiner Leute auf's Spiel setzte, wo mir doch als »Privatmann« frei stand, nach den ersten Schüssen abzuziehen und eine Klageschrift an das Gouvernement in Dar-es-Salaam zu leiten? Es ist auch möglich, dass die Erstürmung Tambarales mir in gewissen Kreisen keinen Dank, sondern sogar den Vorwurf eines unberechtigten Eingriffs in amtliche Rechte einbringen mochte. Aber erwägen wir einmal die Folgen, welche das obengenannte »korrekte« Vorgehen gehabt hätte! Wenige Tage nach mir passirte die Expedition Gemmer Tambarale. Sie führte an 500 Wanyamwesi-Träger und bedeutende Waffen und Munitions-Vorräthe in Lasten verpackt bei sich, besass fast gar keine Soldaten und war zur Vertheidigung gänzlich unfähig. Diese hatte Sike im Auge gehabt, als er seinem Verbündeten Mwana Tombolo den Auftrag gab, die nächste europäische Karawane anzugreifen. Denn er konnte nicht ahnen, dass ich plötzlich auf einer Seitenroute ankommen würde.

Hätte ich nun diesen Angriff nicht mit vollständiger Niederlage des Gegners beantwortet, so wäre die Expedition Gemmer überfallen, und, da sie nahezu wehrlos war, vernichtet worden. Die Hinterlader und Patronen wären den Aufständischen unter Sike in die Hände gefallen und es ist fraglich, ob es dann gelungen wäre, derselben Herr zu werden. Die Postverbindung mit dem Victoria-See, die damals über Tabora schon unterbrochen war, wäre auch auf der direkten Route gesperrt und die Seestation gänzlich abgeschnitten worden. Mir aber wäre für mein »korrektes« Vorgehen wahrscheinlich der Vorwurf schmähliger Feigheit gemacht worden. Denn ein Reisender im Innern Afrika's besonders auf wenig betretenen Pfaden, kann eben kein Privatmann sein, wie immer er sich anstellen möge, er ist und bleibt für die Eingeborenen der Vertreter seiner Nation, ja des Europäerthums überhaupt, und muss danach handeln, wenn er die Flagge, unter der er reist, nicht mit Schmach bedecken und der grossen Sache nicht schaden will, für welche wir alle, sei es nun amtlich oder nicht amtlich, unser Leben einsetzen. Solchen Personen, welche die Gewähr für ein umsichtiges Vorgehen nicht bieten, möge man das selbstständige Reisen im Innern einfach verweigern, da sie durch planloses Handeln die Kolonie schwer schädigen können. Bewährte Führer jedoch statte man unbedingt mit den Rechten und Pflichten der Gouvernements-Expeditionen aus, wie das auch vom Kongostaate den Expeditionschefs der grossen Gesellschaften gegenüber stets gehalten wird.