Von Tambarale begaben wir uns einige Stunden nördlich nach Sunguisi, dem südlichen Grenzdorf von Ussongo, jenem Distrikt, den der bekannte deutschfreundliche Häuptling Mtinginya beherrscht. Von den Eingeborenen gastlich aufgenommen, beschloss ich, dort die Heilung meiner Wunde abzuwarten. Bei sorgfältiger antiseptischer Behandlung, in welcher ich schon einige Uebung besass, ging dieselbe ziemlich rasch von statten, so dass ich schon am 10. Dezember aufbrechen konnte.

Während des Aufenthalts in Sunguisi kam die Karawane des Kapt. Gemmer und später jene des Grafen Schweinitz, der nach der Küste zog, durch, und es fehlte mir daher nicht an europäischer Gesellschaft. Auch Mtinginya machte mir seinen Besuch, war hocherfreut über die Niederlage seines alten Gegners Mwana Tombolo und schenkte meinen Leuten zwei Lasten Baumwollzeug. Der Unterhäuptling in Sunguisi, ein behäbiger, gutmüthiger Mann, dessen höchster Stolz seine zahllosen — Kinder waren, benahm sich musterhaft und räumte mir sein geräumiges Tembe ein. Ein Theil dieses Baues stürzte allerdings eines Morgens ein, erschlug einen Massaihirten und begrub mehrere Askari und Weiber, die aber nur unwesentlich beschädigt wurden. Man wird jedoch auf afrikanischen Reisen nach und nach so abgestumpft, dass mich dieser Unfall keineswegs abhielt, den Rest des Tembe weiter zu bewohnen.

Am 10. Dezember lagerten wir in Maragano, einem kleinen Dorfe am Saume des Buschwaldes und traten am nächsten Morgen in denselben ein. Die Regenzeit setzte langsam ein, häufig gingen leichte Schauer nieder und die Baobabs und niederen Büsche trugen grünes Laub. Ein wenig begangener, durch Gestrüpp recht erschwerter Pfad führt durch diese Wildniss an den Rand des Wembere-Grabens, den wir am 12. Dezember erreichten. Er war durch malerische Haufen riesiger Granitblöcke bezeichnet, zwischen welchen Baobabs und schöne grüne Vegetation gedieh. Auf diesen Felsmassen lagen die kleinen Dörfer Nyambeïu und Itandulu verstreut. Besonders das letztere, eine neue Niederlassung mit weissen spitzen Kegelhütten, lag hochromantisch zwischen mächtigen Felszähnen. Einen dieser erkletterte ich, und überblickte die weite, tischflache Wemberesteppe zu meinen Füssen, mit dem niedrigen Saum der jenseitigen Randberge.

Itandulu.

Am 13. und 14. Dezember durchschritten wir theilweise bei Regen die Steppe, welche hier weit schmäler als beim Simbiti ist. Sie ist vollkommen offen, fast graslos und nur zahlreiche, nach den Eyassi ziehende Schwärme von Wasservögeln, von Flamingos, Enten und Pelikanen, beleben das eintönige Bild. Gegen den Ostrand zu, treten niedriges Stachelgestrüpp auf sandigem Boden, stellenweise sogar schönes Gras und einzelne riesige Baobabs auf und man erreicht die sanft ansteigende Randhöhe auf welcher mit Pfostenverschanzung das Dorf Urugu liegt.

Durch hügeliges, theilweise mit schönem Miombowald bedecktes Land ging es am 15. Dezember nach Ost. An den meist trockenen, breiten Bachrissen stehen malerische Gruppen schlanker Fächerpalmen. Wir kamen an dem grossen Dorfe Buschora (Mangura) vorbei, das zwischen Sorghum- und Reisfeldern gelegen ist und erreichten Mittags Ussure, einen von zwei hohen Kegelhütten überragten Tembebau an dessen Westecke die von Dr. Peters gehisste deutsche Flagge wehte. (Siehe Kopfleiste des Kapitels.) Seine damalige Freundin Saratita war jedoch inzwischen verstorben und an ihrer Stelle regierte Mlewe ein intelligenter junger Häuptling und eifriger Elephantenjäger, der vorzüglich Swahíli spricht.

Ussure ist ein Grenzland Unyamwesi's, östlich davon dehnt sich die Landschaft Turu aus, deren Bewohner, die nackten Wanyaturu, als bösartig berüchtigt sind. Erst Stanley, dann anderen Reisenden traten sie feindlich entgegen, auch gegen Dr. Stuhlmann, der wenige Monate vor mir das Land durchzog, benahmen sie sich unverschämt, ohne jemals ernstlich gezüchtigt worden zu sein. Die Folge war, dass ihre Frechheit ins Grenzenlose wuchs und dass keine kleine Karawane mehr unbehelligt das Land durchziehen konnte. Kurz vor meinem Durchzug waren Leute der Araber in Irangi, die mit Vieh aus Unyamwesi heimkehrten dort überfallen und gänzlich ausgeraubt worden.

Mann aus Turu.